Der phänomenale Kaikhosru Sorabji

Fredrik Ullén wagt sich an die „100 Transcendental Studies“ des kaum bekannten Komponisten

Musikgeschichte besteht nicht nur aus Hauptströmungen. Gerade die Musik des 20. Jahrhunderts würde ohne geniale Einzelgänger entschieden ärmer aussehen. Ihre Werke verdanken sich dem Mut zur Missachtung gängiger Normen, ihre spätere Wirkung steht oft in krassem Gegensatz zu den wenig aussichtsreichen Entstehungsbedingungen. Der Wahlamerikaner Edgard Varèse war ein solcher Solitär, auch Conlon Nancarrow, der im mexikanischen Exil seine Klavierrollen stanzte, oder der musikalisch-mathematische Universalist Iannis Xenakis, der in Paris lebenslang im Schatten des Alleinherrschers Boulez stand.

Während diese immerhin schon zu Lebzeiten international Beachtung fanden, ist ein anderer bis heute ein Geheimtip geblieben: Kaikhosru Sorabji (1892-1988), britischer Staatsbürger mit parsischen Vorfahren. Das ist angesichts seines umfangreichen Oeuvres erstaunlich, hat aber seine Gründe. Welcher Konzertveranstalter wagt sich schon an ein riesiges Werk wie die „Symphonischen Variationen“ für Klavier und großes Orchester, wenn er je sechs Holzbläser, acht Hörner und fünf Trompeten aufbieten muss und eine Aufführung über drei Stunden dauert?

Die exzessive Länge im Verbund mit einer aufwendigen Instrumentation und dichten Polyphonie steht einer Verbreitung seiner Orchesterwerke bis heute im Weg. Von seinen acht Klavierkonzerten, die bei allen spieltechnischen Schwierigkeiten übrigens durchaus massvoll dimensioniert sind, ist gerade eines schon uraufgeführt worden. Kaum ein Komponist der neueren Zeit hat so unverdrossen für die Schublade komponiert wie Sorabji, und er muss einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst gehabt haben, dass er sich durch den lebenslangen Misserfolg nicht entmutigen ließ. Eine Folge war aber offenbar sein recht kantiges Naturell, das alles andere als kommunikationsfordernd gewesen sein soll.

Kernstück Klaviermusik

Im Zentrum von Sorabjis Oeuvre steht das solistische Klavierschaffen; das Werkverzeichnis umfasst nicht weniger als 82 Titel. Auch sie sind nur vereinzelt und an semiklandestinen Orten, in Konzerten für Kenner und Liebhaber, zu hören, zum Beispiel beim Klavier-Raritäten-Festival auf Schloss Husum, wo 2007 Jonathan Powell, ein auf Skrjabin und die randständige Moderne spezialisierter Pianist, die Schluss-Szene aus „Salome“ von Strauss in der Klaviertranskription von Sorabji spielte. Oder "Suggested Bell-Chorale for St Luke’s Carillon", das mit einer Minute Dauer ausnahmsweise extrem kurze, für die Lukas-Kirche in Germantown (USA) komponierte Stück für Glockenspiel: Auf dem europäischen Kontinent war es bisher einzig im schweizerischen Städtchen Zofingen zu hören. Wer weiß schon davon?

Ansonsten ist bei Sorabji artistisches Dickbrettbohren angesagt, und vollends alle Dimension sprengen seine Werke für Klavier solo. Instrumentaltechnisch stehen sie in der Tradition der strukturell orientierten, vollgriffigen Virtuosität von Liszt bis Busoni, ihre Länge übersteigt jede Vorstellung. Die imposanten Zyklen dauern oft mehrere Stunden und stellen Interpret wie Zuhörer auf eine harte Probe. Unvergesslich bleibt etwa die bis weit nach Mitternacht dauernde Aufführung seines 1929-30 entstandenen „Opus Clavicembalisticum“ beim Bonner Beethovenfest 1983 durch Geoffrey Douglas Madge: ein Kompendium kompliziertester vielstimmiger Fugen.

Von noch gewaltigerem Umfang ist Sorabjis Sammlung der „100 Transcendental Studies“, komponiert in den Jahren 1940-44. Ihr Manuskript umfasst 456 Seiten, eine Gesamtaufführung würde annähernd acht Stunden dauern. Die schon im Titel angedeutete Nähe zu Liszt zeigt sich darin, dass sie die klaviertechnischen Möglichkeiten bis an die Grenzen ausreizen und zugleich hohe musikalische Ansprüche stellen – eine extreme Herausforderung für jeden Pianisten.

Der schwedische Pianist Fredrik Ullén, bestens ausgewiesen durch seine Interpretationen der Etüden von György Ligeti und Chopin, letztere auch in der verschärften Variante der Godowski-Bearbeitungen, hat vor einiger Zeit beim schwedischen Label BIS Records mit der Einspielung des Riesenwerks begonnen. Nach dem Beginn mit den ersten fünfundzwanzig Etüden (BIS CD 1373) ist nun die zweite Folge mit den Nummern 26 bis 43 erschienen.

Die Aufnahme gewährt einen  vorzüglichen Einblick in Sorabjis Welt der üppig aufblühenden Klänge, kraftvoll dahinfließenden Energieströme und weiträumigen Architekturen. Vom Charakter her sind die Stücke vollkommen unterschiedlich. Schwebende Harmonik und Klangsinnlichkeit à la Skrjabin wechseln sich ab mit Akkordgewittern in Septimengriffen, kontrapunktisch strenge Linienführung mit verspieltem Arabeskenwerk. Allen gemeinsam sind ein weiter Atem und die verschwenderische Fülle unablässig sich fortzeugender Gedanken. Schwer auszumachen, was mehr fasziniert: Die Formenvielfalt und der Einfallsreichtum der Werke oder die Souveränität, mit der der Interpret die pianistische Gratwanderung absolviert. Beides macht jedenfalls neugierig auf die Fortsetzung der Reihe.

© Max Nyffeler 2009

Kaikhosru Sorabji: 100 Trancendental Studies: Nr. 26-43. Fredrik Ullén, Klavier. BIS CD 1533 (Vertrieb in D: Klassik Center Kassel)

Eine kürzere Fassung dieser Rezension ist erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.8.2009

Dossier Kaikhosru Sorabji
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