Hans Werner Henze: Boulevard SolitudeHenzes erste Oper in einer Aufzeichnung aus Barcelona
Henzes Oper paraphrasiert die Geschichte der Manon Lescaut, wobei aber nicht die unglücklich Liebende im Zentrum steht, sondern der naive Student Armand Des Grieux, der ihr hoffnungslos verfallen ist und mit seinem philosophisch grundierten Weltschmerz einen ziemlich linkischen Eindruck macht. Aus heutiger Sicht erscheint die Rolle weniger überzeugend als die der Manon, die mit ihrer Mischung von Abgebrühtheit und Willenlosigkeit auch Züge einer Lulu besitzt. Der Ernst des „lyrischen Dramas“ wird durch parodistische und kolportagehafte Elemente gebrochen „alles, was ihr so Liebe nennt, endet in der Kolportage“, spottet einmal Manons zynischer Bruder, der als ihr Zuhälter agiert. Die Uneigentlichkeit der Gefühle findet in der Musik ihren Widerhall. Die kühlen Lyrismen der Liebesszenen wechseln ab mit kunstvoll einkomponierten Unterhaltungsmusikfetzen, und in den Bahnhofsszenen kommt viel Schlagzeug zum Einsatz. Henzes „Ästhetik der Unreinheit“, die zwei Jahrzehnte später in Werken wie der Liedersammlung Voices oder im Vaudeville La Cubana zur Meisterschaft entwickelt ist, kündigt sich hier schon unüberhörbar an. Musikalisch besitzt die Aufführung respektables Niveau, und mit Ausnahme von Armand, der als schwärmerischer Student allzu massig wirkt, sind die Rollen gut besetzt. Zoltán Peskó am Pult sorgt für einen transparenten, vielfarbig glänzenden Orchesterklang. © Max Nyffeler 2008
(März/2008)
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