Vorbemerkung / Introductory Remark

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Das vorliegende Interview ist alt: Es entstand im Juli 1970 im südfranzösischen St. Paul de Vence, wo John Cage bei einem Festival auf dem Gelände der Fondation Maeght zusammen mit der Merce Cunningham Dance Company Aufführungen seiner Stücke machte. Erstveröffentlicht wurde es 1970 in der Nummer 6 der von Studenten des Konservatoriums Zürich herausgegebenen Zeitschrift "Dissonanz".

Das Interview bezieht sich auf die durch die Studentenbewegung entfachte Diskussion über mögliche revolutionäre Veränderungen in der Gesellschaft und über die Rolle die Kultur in diesem Prozess. Cage wurde damals in Europa als revolutionärer Künstler wahrgenommen; in seinen revolutionären ästhetischen Konzepten erblickte man Modelle für gesellschaftsveränderndes Handeln.

Aus heutiger Sicht erscheinen diese Positionen stark zeitgebunden. Jedoch zeigen sich in Cages Äußerungen auch die charakteristischen Konstanten seines Denkens, etwa sein Individualanarchismus, sein puritanisch-rationalistischer Glaube an die Verbesserung der Welt oder die Betonung des gewaltfreien Handelns. Auffällig ist sein Fortschrittsoptimismus, der heute noch naiver erscheint als damals, zumal er der Meinung ist, dass sich als Folge des technisch-ökonomischen Fortschritts der soziale Fortschritt gleichsam von selbst einstelle. Diese Auffassungen dürften stark durch die Ideen von Buckminster Fuller geprägt sein, dessen überzeugter Anhänger Cage damals war.

Interessant sind seine Feststellungen zum kulturellen Verhältnis der USA zu Europa und zu den Entwicklungsländern. In ihnen schimmert die Überzeugung durch, dass sich der American way of life selbstverständlich weltweit durchsetzen werde. Cage vertritt das nicht ohne propagandistische Untertöne; seine Haltung ist die eines Propheten und Aufklärers, der den Menschen von einer lichten Zukunft kündet. Gegenüber solchen Spekulationen war schon immer Skepsis angebracht, und vor den weltweiten Erfahrungen des letzten Jahrzehnts erscheinen sie in einem zunehmend zweifelhaften Licht.

Max Nyffeler, Oktober 2002

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