Die Fähigkeit, in die Zukunft zu hören

Porträt des Dirigenten Peter Eötvös von Max Nyffeler

Auf die Frage, wo er die größten Probleme des heutigen Dirigierhandwerks sehe und wo die Notwendigkeit einer Veränderung am dringendsten sei, nennt Peter Eötvös ohne zu zögern die Hochschulausbildung. Der Dirigierunterricht, sagt er, beschränkt sich in der Regel auf das klassisch-romantische Repertoire und macht schon vor Strawinsky Halt, was zur Folge hat, dass heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, das 20. aus dem Bewusstsein der Studenten weitgehend ausgeklammert wird. Ein junger Dirigent weiß dann überhaupt nicht, wie er mit der Partitur eines Werks, das er noch nie live oder vom Lautsprecher gehört hat, umgehen soll: Seine Imaginationskraft wird nicht gefordert, er ist nicht in der Lage, in die Zukunft zu denken und eine eigene Vision des Werks zu entwickeln. Für Eötvös ein inakzeptabler Zustand – aus künstlerischen Gründen und aus Verantwortung für die Zukunft der Musik und des Musiklebens. Er erinnert an das, was im 19. Jahrhundert noch selbstverständlich war: die Notwendigkeit einer lebendigen Tradition. Sie führe "aus dem Verstehen der Gegenwart zu einem neuen Verstehen der Vergangenheit, denn die Gegenwart trägt die ganze Verantwortung in sich. Und der Gedanke lässt sich weiterführen: von der Zukunft zur Gegenwart."

Auslaufmodell Reisedirigent?

Kaum weniger Skepsis hegt Eötvös gegenüber der gängigen Praxis des Reisedirigenten, der hat kaum Chancen hat, dem Orchester ein eigenes Interpretationkonzept und schon gar nicht ein neues Werk nahe zu bringen. Die Macht der Gewohnheit, das Korsett des Abosystems, die Kürze der Proben - all das verhindert in Eötvös's Augen die Entwicklung neuer Interpretationsansätze und macht den normalen Orchesterbetrieb zu einem Spielfeld unkreativer Wiederholungstäter. Alternativen sieht er in einer langjährigen Zusammenarbeit, vor allem aber in der projektbezogenen Arbeitsweise: Ein Konzertprogramm wird über zwei bis drei Wochen einstudiert und dann in Serie, auch als Tournee, mehrfach gespielt. Nur so können neue, unbekannte und auch schwierige Werke befriedigend realisiert werden. Die normale Orchesterpraxis setzt solchen Plänen jedoch enge Grenzen. Eötvös ist überzeugt, dass sie sich langfristig ihr eigenes Grab schaufelt, wenn sie sich nicht grundlegend verändert.

Peter Eötvös hat sich nie vor kritischen Äußerungen über den Zustand des Musikbetriebs und besonders der Sinfonieorchester gescheut. Oft hat es ihm Ärger eingebracht. Er ließ sich jedoch nie einschüchtern und beschränkte sich auch nicht auf das bloße Kritisieren, sondern er entwickelte praktische Alternativen. Die bemerkenswerteste ist zweifellos die Gründung des Internationalen Eötvös Instituts, wo junge Dirigenten die Möglichkeit erhalten, sich mit den Erfordernissen einer zeitgemäßen Berufspraxis vertraut zu machen.

Hunger nach der neuen Musik

Eötvös's Veränderungswille hat gewiss auch mit seinem untypischen Werdegang zu tun. Er kam als eine Art Quereinsteiger von der Aufführungspraxis neuer Musik her und stieg innerhalb eines Jahrzehnts zu einem international gefragten Ensemble-, Opern- und Orchesterdirigenten auf. Letztlich sind die Wurzeln seines offenen Denkens aber in seiner ungarischen Kindheit und Jugend zu finden. Sein Hunger nach der verbotenen neuen Musik westlicher Prägung war groß – der Fünfzehnjährige lernte die Partituren von Webern noch als Underground-Literatur kennen –, ebenso sein Wunsch nach einem Überschreiten der engen Grenzen, die dem geistigen Leben in Ungarn bis Ende der fünfziger Jahre gesetzt waren.

Geboren 1944 in Transsylvanien, kam Peter Eötvös bereits mit vierzehn an die Budapester Musikakademie und 1966 mit einem Stipendium zum Dirigierstudium nach Köln. Er arbeitete acht Jahre lang im Ensemble von Karlheinz Stockhausen mit, war Mitglied des Kölner Feedback-Verlags, des ersten Autorenverlags für Komponisten in Deutschland, und arbeitete von 1971-79 am Studio für Elektronische Musik des WDR Köln. 1978 kam dann der Durchbruch: Auf Einladung von Pierre Boulez dirigierte er das Konzert zur Eröffnung des Ircam Paris und wurde in der Folge zum musikalischen Leiter des Ensemble InterContemporain berufen. 1980 dirigierte er in London sein erstes Konzert bei den Proms; bis heute ist er dort ein gern gesehener Gast. 1985-88 war er Erster Gastdirigent des BBC Symphony Orchestra; ähnliche Funktionen übernahm er in den neunziger Jahren in Budapest. Seit 1994 ist er Chef des Radio-Kammerorchesters Hilversum.

Peter Eötvös hat sich bisher vor allem als Dirigent der neuen Musik in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen einen Namen gemacht: von Boulez über Xenakis und Lachenmann bis zum Nachwuchskomponisten, dessen Werk in Donaueschingen aus der Taufe gehoben wird. Und nicht zu vergessen seine eigenen Werke, die inzwischen auf CD gut dokumentiert sind, darunter das klangmächtige "Atlantis", der atmosphärisch dichte "Psychokosmos", die frühe "Chinese Opera" und der große musiktheatralische Wurf der "Drei Schwestern" nach Tschechow. Sein Repertoire reicht jedoch zurück bis zu Liszt, Wagner und Mussorgsky. Um die großen Sinfoniker wie Bruckner und Mahler hat er bisher einen Bogen gemacht, auch wenn es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er sich zumindest Mahlers annehmen wird. Ein weiterer Repertoireschwerpunkt ist die klassische Moderne mit Komponisten wie Bartók, Strawinsky und Schönberg.

Angelpunkt Musiktheater

Peter Eötvös ist ein ausgesprochen dialogisch orientierter Mensch, das Gegenteil eines Eigenbrötlers und Studierstubenkünstlers. Das ist nicht nur seinen eigenen Kompositionen anzumerken, die auch da, wo sie reine Instrumentalwerke sind, vom heimlichen Dialogisieren der Instrumente untereinander leben - Musik als imaginäre Theaterbühne. So verwundert es nicht, dass er bereits eine langjährige Erfahrung als Operndirigent hat. In den achtziger Jahren begann er mit zwei Abenden aus dem "Licht"-Zyklus von Karlheinz Stockhausen, deren Uraufführung er an der Mailänder Scala dirigierte, mit Wiederholungen an Covent Garden. Dann folgten 1986 "The Rake's Progress" von Strawinsky in Lille in der Inszenierung von Robert Altman und etwas später in Paris Bruno Madernas Materialkonvolut "Hyperion", dessen Aufführungsversion er selbst zusammenstellte. Mehr als ein bloßes Dirigat war auch sein "Don Giovanni" an der Oper Lyon. Hier übernahm er gleich noch Produzentenaufgaben, indem er Sänger, Regisseur und Bühnenbildner engagierte und den gesamten Produktionsprozess kontrollierte. Die Arbeit war für ihn eine Vorstufe zur Uraufführung seiner Oper "Drei Schwestern" 1998 in Lyon, wo er für die Frauenrollen Countertenöre einsetzte, das Orchester in zwei vor und hinter der Bühne aufgestellte Gruppen teilte und Kent Nagano als Mitdirigenten heranzog. Trotz dieser scheinbar komplizierten Anlage ist das Werk eine der erfolgreichsten Bühnenproduktionen der letzten Jahre geworden. Es wurde bisher in fünf Inszenierungen an zehn verschiedenen Häusern gespielt.

Die Neugierde und Experimentierlust, die in solchen Werkideen zum Ausdruck kommen, prägen auch Peter Eötvös's Arbeit als Interpret. Komponieren und Dirigieren befruchten sich gegenseitig, mehr noch: sie ergänzen sich zu einer umfassenden Konzeption von Künstlertum. So beschränkt sich die Realisation eines Notentexts nicht auf das Einstudieren und Dirigieren der Partitur, sondern sie unterwirft alle Aspekte der Produktion dem kreativen Zugriff des Machers - eine Arbeitsweise, die von ferne an den Wiener Hofoperndirektor Gustav Mahler erinnert. Das Tätigkeitsfeld erweitert sich in ungeahntem Maße und verlangt individuelle Fähigkeiten, die den Dirigentenberuf an der Grenze von Praxis und Utopie ansiedeln. Zur Frage, über welche Kenntnisse ein junger Dirigent heute verfügen müsse, merkte Eötvös an: "I will only mention a selection: innate musical talent, broadly cultivated musical knowledge, gestural-communicative ability, analytic hearing, a stable sense of time, planning ability, knowledge of instruments, acoustics and the financial aspect of the business, an unterstanding of psychology, historical perspective, ability to see into the future..."

Persönlicher Dirigierstil

Das riecht nach Übermensch. Doch in Eötvös's Diktion schwingt immer auch eine Prise Humor mit. Er ermuntert seine Gesprächspartner, die Probleme mit spielerischem Optimismus zu betrachten, und das Unmögliche erscheint plötzlich als möglich. Für einen Orchesterleiter, der ja immer auch ein wenig Pädagoge sein muss, könnte es keine bessere Voraussetzung geben. Eötvös gehört denn auch nicht zum Typ des Podiumstyrannen, sondern bleibt in allen Lagen der unbeirrbar höfliche Zeitgenosse – ein Dirigent, der viel fordert, der genaues Hören und höchste Konzentration stets mit Ruhe und Freundlichkeit verbindet, der die zweckdienliche und präzise Gestik liebt. Seine Körpersprache ist auf eigentümliche Weise unauffällig und zugleich von ausgeprägter Individualität und Suggestionskraft. Mit seinen Bewegungen – er verwendet grundsätzlich keinen Taktstock - modelliert er einen Klangleib, der an der Oberfläche von Elastizität und sinnlicher Lust am Klang geprägt ist und zugleich klare Strukturen, Kraft und Festigkeit besitzt. Der Ausdruck der Persönlichkeit mittels einer authentischen Körpersprache gehört, vor jeder formalisierten Schlagtechnik, für Peter Eötvös zu den wichtigsten Eigenschaften eines Dirigenten. Es ist diese intuitive Fähigkeit, die er bei seinen Studenten zu allererst zu entwickeln versucht die auch seine Erscheinung als Dirigent so überzeugend macht.

© 2002 Max Nyffeler

Erstveröffentlichung Print: Neue Zeitschrift für Musik, Heft 1/2002, Schott Verlag Mainz.

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