Von der Notwendigkeit, die Grenzen zu öffnen

Dankrede von Peter Eötvös bei der Entgegennahme des Musikpreises 2000 der Christoph und Stephan Kaske-Stiftung

 

Sehr verehrte Frau Kaske,
sehr geehrter Herr Sawallisch,
lieber Herr Rohde,
lieber Herr Dr. Weiß,

als ich die Nachricht über den Kaske-Preis erhielt, hatte ich gerade ein Buch von Alessandro Baricco in der Hand, in dem ein Maler versucht, die Grenzen der Natur genau festzulegen. Zum Beispiel: wie groß ein Baum werden kann. Es gibt große Bäume, noch größere und sehr-sehr große Bäume. Aber größer als der allergrößte Baum, das gibt es nicht, da ist eine Grenze. Oder: Wo hören die Wellen des Ozeans auf? Kann man da einen Punkt klar definieren? Ist es nicht eher eine Grenzlinie in ständiger Bewegung?

Für meine Generation ist das Grenzbewußtsein wie ein Trauma. Die Grenzen waren überall und hart wie Stahl. Trotzdem gehörte ich zu den Wenigen, die die ungarische Grenze mit einem Stipendium offiziell passieren konnten. Und so kam ich 1966 nach Westeuropa.

Ich legte Bariccos Buch zur Seite und begann sehr neugierig in der Satzung der Kaske-Stiftung nachzulesen, wofür ich den Preis bekommen habe. Da steht: "Destinatäre der Stiftung sollen vor allem hochbegabte, junge Musiker sein." Hier blieb ich stehen und fragte mich, ob ich noch jung genug für diesen Preis bin. Ob die Grenze der Jugend, wie die Wellen, auch in ständiger Bewegung ist? Zählt mein Alter, oder zählt mein Geist?

Vor einigen Jahren hatte ich in Frankfurt eine unheimliche Begegnung mit meinem Alter Ego. Mein Name kommt in Ungarn relativ selten vor, - besonders mit dem stummen "E" am Anfang. Mein Alter Ego sagte, er heiße genauso wie ich, mit "E" am Anfang, unsere Väter hatten auch den gleichen Namen, beide waren "Doktor", Rechtsanwälte, und beide wurden als "Feinde des sozialistischen Systems" verurteilt. Deswegen hatten wir in der Jugend unter starken Einschränkungen zu leiden. Mein Alter Ego lebte früher auch in Budapest und wußte sehr viel über mich, weil ein großer Teil der Telefonanrufe für mich bei ihm gelandet sind. Er sagte mir, der einzige, wesentliche Unterschied zwischen uns bestehe darin, daß ich zwei Jahre jünger sei als er und gerade die Anfänge der politischen "Grüne Ampel-Welle" erwischt habe, wo er zwei Jahren vorher noch überall rote Ampeln bekommen habe.

Er wurde an der Universität wegen seines Vaters nicht aufgenommen, ich war als Jungstudent schon mit 14 in der Musikakademie, trotz der Vergangenheit meines Vaters. Für ihn war die Welt verschlossen, für mich waren alle Sperren geöffnet.
Das Schwierigste in der Jugend ist, daß man nicht weiß, wohin der Weg einen führt.

Bevor ich mein Stipendium nach Köln bekam, wollte ich nach St. Petersburg gehen, um zu studieren. Ich bekam aber keine Information darüber, wo man sich melden kann. Dann fragte ich nach einer anderen Möglichkeit, und binnen einer Woche bekam ich ein DAAD-Stipendium aus Bonn. Absolut unvorstellbar, wie mein Leben geworden wäre, wenn ich eine Antwort aus St. Petersburg erhalten hätte.

Diese Situation ist später nochmal entstanden. Als junger Dirigent bewarb ich mich in Solingen als Chefdirigent, kam leider aber nur an die zweite Stelle. Leider? Zwei Monate später nämlich wurde ich nach Paris zum IRCAM eingeladen und blieb dort 13 Jahre lang als "Directeur musical" des Ensemble InterContemporain. Absolut unvorstellbar, wie mein Leben geworden wäre, wenn es mit Solingen geklappt hätte!

Am Anfang der achtziger Jahren wuchsen neue Ensembles aus dem Boden heraus, wie Pilze nach dem Regen, und ich wurde von mehreren eingeladen, ein neues Programm mit einer neuen Generation auszuarbeiten. Die Musiker im Ensemble InterContemporain waren ungefähr gleichaltrig mit mir. Ich hatte keine Zeit, älter zu werden, weil ich jeden Tag neue Werke einstudieren mußte und in den letzten 25 Jahre hunderte von Uraufführungen dirigierte.

Viel Lernen hält jung. Das Lernen liegt mir in den Genen; ich habe es von meinen Vorfahren geerbt. Meine Mutter lernt noch heute mit 84 regelmäßig französische Gedichte auswendig, um ihr Gedächtnis zu trainieren. Mein Großvater konnte auf allen Streichinstrumenten spielen. Er war ein geborener Interpret, fröhlich und positiv. Wie der Soldat bei Strawinsky ging er freiwillig - statt mit dem Gewehr mit seiner Geige - in den ersten Weltkrieg, um seine Freunde an der Front aufzumuntern. Jahre später kam er mit abgefrorenen Fingern nach Hause und begann das Zimbalomspiel zu lernen.

In meinem Leben hat sich erst später herausgestellt, daß ich - wie meine Mutter und mein Großvater - auch Interpret und Pädagoge bin, obwohl meine Vorbilder in der Kindheit ausschließlich Komponisten waren. Vor allem Bartók, dann ab Anfang der 60er Jahren Stockhausen, Boulez, Miles Davis. Am stärksten haben mich die elektronische Musik, der Film und das Theater interessiert. Dadurch, daß wir damals in Ungarn von der europäischen Kultur hermetisch abgeschlossen waren, hat sich bei mir der Wunsch nur verstärkt, alles kennenzulernen. Es gab zwei kulturelle Ebenen, eine offizielle und eine Underground-Kultur. Der kulturelle Schwarzmarkt florierte, man konnte alles erfahren, wenn man wollte. Nicht ohne Gefahr. Ich werde es nie vergessen, wie 1959 mein Kompositionslehrer, Professor Viski, mich heimlich zu sich in sein Haus mitnahm und sagte: "Sie dürfen mit niemandem darüber sprechen, was ich Ihnen jetzt zeige!" Er spielte ein Tonband dreimal leise ab und flüsterte mir zu: "Der Komponist heißt Anton von Webern".

Obwohl ich etwas später ziemlich gut informiert nach Deutschland kam, hatte ich doch das Gefühl, alles nochmal von vorne beginnen zu müssen. In Ungarn wurde mein Gehör sehr gut ausgebildet, aber die Kunst in Mittel- und Osteuropa spielte sich hauptsächlich auf der Gefühls- und Charakterebene ab, von wenigen Ausnahmen wie Bartók abgesehen.

Bildlich gesprochen: Man hatte von einer Pflanze nur die sichtbaren Teile, die Blumen und die Blätter kennengelernt. Für mich war es im Westen eine wichtige Neuentdeckung - besonders in der Nähe von Stockhausen und später von Boulez - den Wurzelbereich kennenzulernen. Hierzu hat mir meine achtjährige Arbeit im Kölner Elektronischen Studio sehr viel geholfen, die synthetische Zusammensetzung des Klanges, die ich später sowohl in der Komposition wie in den Orchesterproben verwerten konnte. Meine besondere Vorliebe galt der Live-Elektronik, weil man als Komponist und Interpret da alles selbst entdecken musste und weil sie die Komposition und die Interpretation vereinen konnten. Heute ist es leichter zu sagen, was ich als junger Musiker gebraucht habe oder zum Teil gebraucht hätte: Impuls, Information, Methode und Richtung. Was, wie und wohin.

Die im 19. Jahrhundert gegründeten Akademien wußten es genau und waren sehr progressiv, absolut zeitgemäß und gaben Impulse. Die Hauptaktivität der Ausbildung im 20. Jahrhundert bestand dagegen darin, Grenzen zu ziehen. Als ich es aus eigener Erfahrung merkte, fand ich es brennend nötig, ein Institut zu gründen für Weiterbildung, für Information, für Grenzenöffnung. Seit 1991 organisieren wir mit meiner Frau Seminare und Konzerte, hauptsächlich für junge Dirigenten und Komponisten. Sehr viele Institute, Organisationen, Festivals und Orchester haben unser Vorhaben begrüßt und weitgehend unterstützt, mitgemacht. Junge Musiker, die mit uns gearbeitet haben, sind heute zum Teil in führenden Positionen im Musikleben. Wenn ich die pädagogischen Ziele des Institutes kurz definieren möchte, dann wäre auf die Frage "Was?" meine Antwort: Alles, ohne Grenzen; auf "Wie?": Von der Wurzel bis zur Blume und zurück; und auf "Wohin?": Aus dem Verstehen der Gegenwart zu einem neuen Verstehen der Vergangenheit, denn die Gegenwart trägt die ganze Vergangenheit in sich. Und der Gedanke lässt sich weiterführen: von der Zukunft zur Gegenwart.

Als ich die Danksagungen der vor mir ausgewählten Preisträger durchlas, dachte ich, daß wir alle die Ohren und die Augen gemeinsam in die gleiche Richtung halten. Das zeigt den besonders feinen Spürsinn des Stiftungsrates bei seiner Auswahl. In der Satzung der Christoph und Stephan Kaske-Stiftung steht ein paar Zeilen weiter: "Auch besondere Projekte des Musiklebens, an denen Nachwuchskräfte mitwirken, können von der Stiftung gefördert werden."

Ich denke und hoffe, daß ich vollkommen im Einklang mit Christoph und mit Stephan handele, wenn ich diese hochwertige Auszeichnung als Startkapital auf einem Konto anlege, für ein zukünftiges Stipendium des Eötvös Institutes, das etwa ab 2004 jungen Komponisten und Dirigenten ermöglicht, sich weiterzubilden, sich zu informieren und die Grenzen immer wieder zu öffnen.

Ich danke Ihnen, daß Sie mich würdig gefunden haben, diesen Preis zu empfangen.

© 2000 by Peter Eötvös

Die Preisverleihung fand am 17.7.2000 in München statt. Die Laudatio hielt der Musikkritiker Gerhard Rohde.  

Dossier Peter Eötvös
Komponisten: Portraits