Die Blinden, Kammeroper von Beat Furrer

Zur Uraufführung beim Festival "Wien modern" 1989 

Nach einem Versuch mit Brecht sind Die Blinden nach Maurice Maeterlinck das erste größere Werk, das Beat Furrer  für Musiktheater schrieb. Maeterlinck, der belgische Symbolist, hatte schon Fauré, Debussy und Schönberg die Vorlage zu Pelleas und Melisande geliefert; an seinen Blinden haben sich vor Furrer bereits Walter Zimmermann und Paul-Heinz Dittrich versucht.

Die Hauptfiguren des Stücks sind eine Gruppe von Blinden auf einer einsamen Insel, die auf die Rückkehr ihres Führers warten. Wohin ging er? Kann er überhaupt sehen, wie die Blinden vermuten? Kommt er überhaupt zurück? Am Schluss scheint es den Blinden, sie hätten seine Leiche gefunden. Viel mehr passiert nicht – eine Ge-schichte des Ertastens von Wirklichkeit, eine Geschichte der Ängste, Hoffnungen und Vermutungen, deren Dramatik radikal nach innen gekehrt ist.

Furrer, als konstruktiv orientierter Komponist kein Freund von illustrierender Musik, fand Gefallen an diesem handlungslosen Stoff. Er kürzte die Vorlage stark und montierte drei andere Texte hinein, die alle um die Thematik Licht – als Symbol menschlicher Erkenntnis – kreisen: Platons Höhlengleichnis sowie Texte von Hölderlin und Rimbaud.

Die klare Anlage des Librettos prägt auch die musikalische Dramaturgie. Furrer behandelte die Blinden konsequent als Sprechrollen. Die Fragmente aus Platons Höhlengleichnis werden von einem Chor vorgetragen, der lange unsichtbar bleibt und erst im letzten Drittel in das Bühnengeschehen einbezogen wird. Die Texte Hölderlins und Rimbauds werden von Solistinnen quasi kommentierend an hervorgehobenen Stellen gesungen.

Der traumähnliche Schwebezustand – die Ambivalenz zwischen Sehnsucht nach dem Licht und Angst vor dem Licht, die ständige Aufbruchsstimmung, die doch nur ein Irren im Kreis ist, das Schwanken der Blinden zwischen Hoffen, Angst und Resignation – all diese Ambivalenzen und offenen Möglichkeiten werden aufgefangen in einer Musik, die ebenfalls kein Ziel kennt und deren innere Struktur ebenso offen ist wie das Bühnengeschehen. Es ist eine ungegenständliche, athematische Musik, in der strukturellen Anlage rigoros durchkonstruiert, im Klang enorm differenziert. Das Spektrum reicht von der geräuschhaften Verbindung von Instrumenten und Sprechstimmen über mystisch changierende Klanggewebe bis zu hart artikulierten Blechbläserchören und Schlagzeugakzenten.

Die bemerkenswerte Einheitlichkeit in der Konzeption von Text und Musik fand bei der Uraufführung ihre Fortsetzung in der Inszenierung. Die Visualisierung der inneren Vorgänge geschieht vor allem über die raffinierte Lichtregie von Alfons Schilling. Er hat sich einiges einfallen lassen, um die Dialektik von Licht und Schatten, die von den Blinden als innere Erfahrung begriffen wird, bühnenwirksam umzusetzen – er lässt Schattentheater spielen, breitet irritierende Hell-Dunkel-Raster über die Szene aus und macht den Rückprospekt der Bühne zur Projektionsfläche für intensiv leuchtende Farbsymphonien. Der Regisseur Reto Nickler unterstreicht das Kreisende, Facettenhafte des inneren Geschehens. Seine Blinden gruppieren sich zu präzis arrangierten Tableaus im Halbdunkel der Szene.

Die von Furrer selbst dirigierte Premiere erreichte mit ihrem Ineinander von dramatischer Anlage, Musik und Szene eine überzeugende Geschlossenheit. Das Publikum, darunter Festivalchef Abbado, spendete reichlich Beifall für ein Stück, das weitab von der üblichen Literaturoper angesiedelt ist, und das gerade mit seiner Konsequenz zeigt, wie aufregend heutiges Musiktheater sein kann, wenn es die Geleise konventioneller Dramaturgie und Musiksprache verlässt.

Max Nyffeler

Die leicht veränderte Printversion dieses Textes ist 1990 in der Schweizer Musikzeitschrift Dissonanz erschienen.

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