Gérard Grisey: Périodes und Vortex temporum

Zwei Werkkommentare

Der 1998 im Alter von nur 52 Jahren verstorbene Gérard Grisey war Mitglied der 1973 gegründeten Komponistengruppe „L’Itinéraire“ zu der noch Tristan Murail, Michaël Lévinas, Roger Tessier und Hugues Dufourt gehörten. Sie setzten dem postseriellen, weitgehend mit temperierten Tonhöhen operierenden Denken ihr Konzept einer Spektralmusik entgegen, in dem der aus Obertonspektren gebildete Klang und seine Wahrnehmung Vorrang haben sollten vor abstraktem Kalkül und philosophischen Botschaften. Klang, sagte Grisey, sei ein lebendiger Organismus, der Geburt, Leben und Tod durchlaufe, eine pulsierende Form wie der menschliche Atem.

Die Nähe dieser Auffassungen zu den Ideen Scelsis ist offensichtlich. Grisey hatte Scelsi in Rom schon in den frühen siebziger Jahren aufgesucht, und Tristan Murail, einer der Komponisten des „Itinéraire“, bezeichnete ihn sogar als ihren  „Vorfahren“. Von Scelsis anarchisch wuchernden Klangströmen unterscheidet sich allerdings die Kompositionspraxis Griseys und seiner Kollegen vom „Itinéraire“ durch ihre konstruktive Konsequenz und den analytischen Ansatz. Ähnlich wie die elektronischen Komponisten im Köln der fünfziger Jahre gingen sie von einer genauen technischen Analyse der Obertonspektren eines Klangs aus, zogen aber andere Konsequenzen.

Sein neue Kompositionstechnik stellte Grisey erstmals 1974 in Périodes für sieben Instrumente dar; das Stück wurde zum Ausgangspunkt des abendfüllenden Instrumentalzyklus Espaces acoustiques. Es basiert auf der Obertonreihe auf dem Ton E, der zu Beginn im Kontrabass leise erklingt; im Vordergrund steht  aber zunächst der siebte, das heftig artikulierte d’. Périodes stellt eine Abfolge von dreiteiligen Perioden dar, die nach dem Modell Einatmen – Ausatmen – Ruhe gebaut sind und auf unerhört vielfältige Weise ausgestaltet werden. Diese dem menschlichen Körper abgelauschten Spannungsverläufe – auch Herzschläge sind hörbar – bezeichnete Grisey als Elemente einer „weichen Periodizität“. Sie verleihen dem Stück seine charakteristische, in weiten Bögen verlaufende Großform.

Steht Périodes am Beginn von Griseys Erforschung der Klangspektren, so ist Vortex Temporum – auf deutsch etwa Zeitstrudel oder Zeitwirbel – ein Dokument aus deren Spätphase. Die groß dimensionierte, rund 35 Minuten dauernde Komposition für Klavier und fünf Instrumente entstand 1994-96. Das spektrale Komponieren ist hier in ein Stadium der Verfeinerung getreten, indem einzelne Teiltöne, manchmal sogar die ganze Obertonreihe, um einen Viertelton nach oben oder unten verschoben werden, so dass das harmonische Gesamtbild verfremdet wird und Zusammenklänge von großer Komplexität entstehen. Im Klavier sind die vier Töne c, dis’, a’ und fis’ für das ganze Stück um einen Viertelton tiefer gestimmt.

Das Werk besteht aus drei durch kurze Zwischenspiele miteinander verbundenen Sätzen. Der erste, Gérard Zinsstag gewidmete Satz ist geprägt durch die sehr schnellen, asymmetrischen Ostinati zu Beginn und ein weit ausholendes Klaviersolo am Schluss. Der zweite, Salvatore Sciarrino gewidmete Satz bildet eine große Bogenform über mysteriös pulsierenden Klavierakkorden, deren Klang durch die verstimmten Töne eine charakteristische Färbung erhält. Der dritte Satz, Helmut Lachenmann gewidmet, greift zunächst die rasche Sechzehntelbewegung des ersten wieder auf und fügt dann Sektionen von zunehmend komplexerer Textur aneinander. Er endet in einem Abgesang sich überlagernder Klangströme. Griseys Sinn für Klangdramaturgie, der auch der Grossform ihre überzeugende Gestalt gibt, tritt in dieser Schlussphase noch einmal besonders deutlich zutage.

© 2005 Max Nyffeler

Dossier Gérard Grisey
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