Laudatio auf Klaus Huber

zur Verleihung des Preises der Europäischen Kirchenmusik
21.7.2007, Schwäbisch Gmünd

Von Max Nyffeler

„Heute kann man doch keine geistliche Musik mehr schreiben, und schon gar keine Kirchenmusik.“ Der Gemeinplatz ist bekannt, genau so bekannt wie die Gemeinplätze mit den Oktaven, den Streichquartetten oder den Opern. Doch anders als diese hat er sich zäh am Leben erhalten. Erklärungen dafür gibt es viele: Sie reichen vom Verweis auf den Säkularisierungsprozess, der die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt habe, bis zur Feststellung, dass die ideologischen Pandämien des 20. Jahrhunderts, die auf die Zerstörung des Individuums und seiner Innenwelt abzielten, bis heute ihre Nachwirkungen hätten. Doch welches auch immer die Gründe sein mögen: Tatsache ist, dass geistliche Musik als eine ästhetische Problemlandschaft gilt, in die sich die wenigsten Komponisten gerne und mit Überzeugung hineinbegeben.

Klaus Huber gehört zu denjenigen, die es immer wieder getan haben. Seine Beschäftigung mit dieser Thematik durchzieht mehr als fünf Jahrzehnte seines Schaffens, mithin das ganze Lebenswerk. Er hat damit nicht nur das Nachdenken über das schwierige Verhältnis von heutigem Komponieren und Glauben vorangebracht, sondern auch künstlerisch einzigartige Werke geschaffen. Mit andern Worten: Seine Kompositionen sind lebendige Beispiele dafür, dass es trotz aller Schwierigkeiten noch immer geht – dass „man“ durchaus noch geistliche Musik schreiben kann. Mehr noch: Es sind gerade diese Schwierigkeiten, an denen sich sein kompositorischer Furor entzündet, die Gehalt und Gestalt der entsprechenden Werke unverwechselbar prägen und die das ästhetische Gelingen in seiner komplexen Widersprüchlichkeit überhaupt erst ermöglichen.

In Klaus Hubers Werk von den frühen 1950er Jahren bis heute zeigt sich ein andauerndes Ringen um die Frage einer transzendenten Begründung von Musik, und er hat das auch wiederholt schriftlich formuliert. Jede Kultur und damit auch die Musik beruhe auf der schöpferischen Kraft des Menschen, seine existenzielle Not zur Sprache zu bringen, notiert er 1977. Und sein religiöses Engagement als Komponist begründet er 1991 mit den Worten, zwischen der Vorstellung vom Menschen als Herr der Geschichte und dem Wissen um seine Nichtigkeit müsse ein Platz für die geistige Existenz gefunden werden.

Mit seiner Musik hat er diesen Platz immer wieder gesucht, nicht zuletzt unter Verwendung von mystischen oder lyrisch-verinnerlichten Texten, von denen interessanterweise viele aus Frauenhand stammen. Das geht von der Kammermusik der fünfziger Jahre nach Texten von Andreas Gryphius, Mechtild von Magdeburg, Catharina Regina von Greiffenberg oder Juan de la Cruz über das Oratorium „Soliloquia“ nach Augustinus, über Werke nach Texten von Teresa von Avila, Hildegard von Bingen und Simone Weil bis zu den Kompositionen der letzten zwei Jahrzehnte, die zum Teil auf arabischen Modi und sufistisch beeinflussten Texten beruhen. Nicht zu vergessen seine zahlreichen Werke, in denen die zwischen Diesseits und Transzendenz eingespannte Existenz des Menschen auf rein instrumentale Weise thematisiert wird.

Zwischen diesen beiden Sphären – Diesseitigkeit und Transzendenz – schlägt seine Musik einen weiten Bogen, und es ist bezeichnend für Klaus Huber, dass religiöse und soziale Dimension, innere Versenkung und politischer Protest – oder „Meditation und Widerstand“, um ein von Huber zitiertes Begriffspaar von Ernesto Cardenal in Erinnerung zu rufen – dass diese scheinbar unvereinbaren Dimensionen seit den siebziger Jahren in seinen Werken eine untrennbare Einheit bilden. Die „Conjunctio oppositorum“ der Mystiker, das Eins-Werden der Gegensätze, ist ein Grundprinzip seiner Ästhetik, sowohl auf inhaltlicher als auch auf kompositionstechnischer Ebene. Vielleicht ist das auch ein Grund für seine tiefe Affinität zum polyphonen Denken, in dem ja auch das Verschiedene zur Einheit gebracht wird. Seine hoch elaborierten, in der Mehrstimmigkeit der Renaissance verankerten Vokalsätze bringen alte liturgische Aussagen und die Reflexion über Gegenwartsprobleme im Medium des Klangs auf meisterhafte Weise zur Deckung.

Im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit und der Kunst habe für ihn das Herz einen höheren Stellenwert als der Intellekt, bekannte Klaus Huber einmal. Die Symbolik des Herzens, die für die mystischen Traditionen von wesentlicher Bedeutung ist und notabene auch in der christlichen Kirche eine große Rolle spielt, bildet ein zentrales Motiv in seinem künstlerischem Weltbild. Im neuen Vokalwerk „Miserere hominibus“ finden wir sie wieder in den Worten von Jacques Derrida: „La raison du coeur“ – die Vernunft des Herzens.

Immer wieder hat sich Klaus Huber mit der Frage der Musik in der Kirche befasst.  Während das in den fünfziger Jahren noch auf praxisbezogene Weise mit liturgischen Orgelstücken und Chorsätzen für den Gemeindegesang geschah, wurde für den reifenden Komponisten die Gottesdienstpraxis später zu eng. Seit sich seine künstlerisch-religiösen Visionen um 1960 im großen Augustinus-Oratorium „Soliloquia“ Bahn brachen, hat er sich als Komponist partiell von der Institution Kirche entfernt – zunächst aus künstlerischen, dann auch aus ideologischen Gründen. Letzteres geschah unter dem Einfluss der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und von kritischen deutschen Theologen wie Dorothee Sölle und Johann Baptist Metz. Die Sprachkraft seiner Musik hat sich dadurch nur verstärkt. Die Menschen zur Abkehr vom falschen, verdinglichten Leben bewegen: Diese Botschaft verkündet sie mit größter Eindringlichkeit. „Metanoia“ – der Aufruf zur Umkehr – ist ein Stichwort, das in seinen Kompositionen und Schriften immer wieder an zentraler Stelle vorkommt.

Angesichts der Gegenwartsprobleme, die längst globale Dimensionen angenommen haben, ist die Forderung nach Umkehr ungebrochen aktuell. In ihr konzentriert sich wie in einem Brennspiegel, was Klaus Huber als Grundlage seines künstlerischen Engagements bezeichnet hat: Verantwortung für sich selbst, für den andern und die Schöpfung. Es ist das Ethos eines Künstlers, der an den materiellen Problemen der Welt leidenschaftlich Anteil nimmt und trotz alledem an eine geistige Existenz des Menschen glaubt.

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