Klaus Huber: Die Seele muss vom Reittier steigen

Werkkommentar von Max Nyffeler 

Anfang der neunziger Jahre begann sich Klaus Huber mit der arabischen Musik und ihren theoretischen Grundlagen zu befassen. Ein Motiv war die Suche nach Alternativen zum temperierten Tonsystem, dessen normierte Zwölftonstruktur ihm zunehmend als steril erschien. Zu den praktischen kompositorischen Überlegungen trat jedoch auch das grundsätzliche Interesse an einer allgemein als fremd empfundenen Kultur, die durch den Krieg im Nahen Osten obendrein als politische Bedrohung erschien.

Die theoretischen Grundlagen fand Huber 1991 in dem um 1930 erschienenen Standardwerk über Geschichte und Theorie der arabischen Musikkultur, La musique arabe von Rodolphe d'Erlanger. Der Fund beflügelte seine künstlerische Fantasie in ungeahnter Weise, zumal damals gerade der erste Golfkrieg ausgetragen wurde. Misstrauisch geworden gegenüber der propagandistischen These vom Krieg der Kulturen, wehrte sich der Komponist gegen die, wie er sagte, «Verteufelung der arabischen Kultur», indem er sie zu studieren begann. Er stiess auf die arabischen Denker des frühen Mittelalters wie al-Kindi, al-Farabi und Ibn Sina (Avicenna), Philosoph, Naturwissenschaftler und Mystiker in einer Person, und entdeckte die uralten gemeinsamen Wurzeln der abendländischen und orientalischen Kulturen.

Seine Erfahrungen hat Klaus Huber seither in zahlreichen Stücken verarbeitet, doch am differenziertesten gelang ihm das vielleicht im Kammerkonzert Die Seele muss vom Reittier steigen für Violoncello, Baryton, Countertenor und 37 Instrumentalisten. Das auf Initiative des Cellisten Walter Grimmer entstandene Werk...

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... Der Komponist schrieb darüber die Worte «La colombe mystique». Er bezieht sich dabei auf eine Metapher von Avicenna, der die Seele als aschenfarbene Taube beschreibt, die vom Himmel herab zum Menschen fliegt, um ihm auf der Erde Gesellschaft zu leisten. An dieser Stelle soll der Tamtam-Spieler mit einem Metallstift einige Schlüsselworte aus Darwischs Gedicht auf das Metall schreiben. Wortbedeutung verwandelt sich somit durch die Geste unmittelbar in Klang. Huber, der mystischen Tendenzen gegenüber schon immer aufgeschlossen war, gibt damit dem Hörer den Gedanken mit auf den Weg: Worte allein sind Schall und Rauch. Ihr Sinn erschliesst sich nur durch Intuition.

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