Am Klanghorizont

Zur Musik von Klaus Hubers Bühnenwerk Schwarzerde
Uraufführung am 3.11.2001 am Theater Basel

Von Max Nyffeler

Im mittlerweile ein halbes Jahrhundert umspannenden Oeuvre von Klaus Huber gibt es immer wieder ganze Werkfolgen oder -gruppen, die auf mehr oder weniger erkennbare Weise miteinander zusammenhängen. Sie werden meist gespeist von einer übergreifenden Idee und kulminieren in einem größeren Werk, das die Summe der voran gegangenen Erfahrungen darstellt. Das gilt für das Augustin-Oratorium "Soliloquia" (1959-64) wie für das 1983 uraufgeführte politische Monumentalwerk "Erniedrigt - Geknechtet - Verlassen - Verachtet...", und ähnlich verhält es sich auch mit den Werken, die um Person und Werk von Ossip Mandelstam kreisen. Das Bühnenwerk "Schwarzerde" ist der - vorläufige? - Schlusspunkt hinter einer Entwicklung, die gegen Ende der achtziger Jahre einsetzte und fast ein Dutzend Kompositionen umfasst.

Am Beginn steht das Streichtrio "Des Dichters Pflug" in memoriam Ossip Mandelstam (1989). Die Gedankenwelt Mandelstams ist darin allgegenwärtig und schafft auf der Ebene des Klangs jenes unverwechselbare Klima, das für viele seither entstandene Werke charakteristisch ist und bis zu "Schwarzerde" ausstrahlt. Die Musik bewegt sich vielfach an der Hörschwelle und ist trotzdem in jedem Moment von erstaunlicher Präsenz; sie verbindet größte strukturelle Differenziertheit mit Subtilität des Ausdrucks.

Auf das Streichtrio folgt 1990 "Die umgepflügte Zeit", eine groß dimensionierte, vokal-instrumentale Raummusik über Texte wiederum aus den Woronescher Heften. Die Besetzung wird in ein Geflecht von siebzehn kleinen, im Saal verteilten Gruppen aufgeteilt, der Klang also in den Raum projiziert. "Die Umgepflügte Zeit" wird in den folgenden Jahren zu einem Steinbruch für eine ganze Reihe von Kammermusik- und Ensemblestücken, die daraus abgeleitet sind. Diese "Reduktionen", wie er sie nennt, nimmt Huber zum Anlass, die bereits im Streichtrio praktizierte Dritteltönigkeit auszudifferenzieren. Damit gelingt ihm nicht nur die Überwindung des chromatisch-zwölftönigen Systems, sondern er erschließt sich auch neue Ausdrucksqualitäten: Die dritteltönige Harmonik klingt weniger gespannt, sozusagen "milder" als die chromatische, was dem lyrisch-introvertierten Ton der späten Mandelstam-Gedichte eine charakteristische Farbe verleiht. Eine weitere Werkgruppe im Mandelstam-Konvolut sind schließlich Chorkompositionen wie "Umkehr - im Licht sein" (1997), wo Texte von Mandelstam, Max Frisch, Martin Buber und Elias Canetti zur politischen Aussage zugespitzt werden. Sie entstanden bereits im Hinblick auf das Basler Musiktheaterprojekt, in das sie später teilweise eingearbeitet worden sind.

Viele strukturelle und musiksprachliche Aspekte, die die Physiognomie von "Schwarzerde" prägen, sind also schon Jahre vorher in Hubers Kompositionen keimhaft angelegt: Die Dritteltönigkeit, das Abtasten des Hörhorizonts in den leisen Registern, die Erschließung des realen Klangraums durch Verteilung der Schallquellen im Saal, die Differenzierung des musikalischen Innenraums durch kammermusikalische Auflichtung des Orchestersatzes und die wechselnden Kombinationen von Vokal- und Instrumentalgruppen.

In die Partitur des Streichtrios von 1989 streute Huber einige Wörter und Silben eines Gedichts aus den Woronescher Heften, die vom Cellisten im Lauf des Stücks ganz leise und in russischer Sprache zu flüstern sind: "Lieber spaltet mein Herz auf zu Scherben von tiefblauem Klang." Der Textgehalt infiltriert die Musik gleichsam tröpfchweise. Die Rolle des Textes ist weniger die eines semantisch-phonetischen Materials, das es "auszukomponieren" gilt, sondern er dient mehr als eine Art Türöffner zu den geistigen Räumen, die sich am Rande der Wahrnehmung auftun - für den, der aufmerksam zu hören weiß. Das Verfahren markiert eine extreme Distanz der Musik zum Text. Es kommt zwar in dieser Form in "Schwarzerde" nicht vor, doch Hubers Skepsis gegen jede Art von traditioneller Textvertonung - eine Skepsis, die er besonders bei einer so vollkommenen Dichtung wie derjenigen von Mandelstam für angebracht hält - ist im Bühnenwerk deutlich spürbar. Er fühlt sich dabei bestätigt durch W.B. Yeats, der in englischen Zeitungsinseraten verbreiten ließ: "Es ist jedermann verboten, entlang meiner Dichtung Musik abzulagern." Sprache wird in "Schwarzerde" nicht geradlinig "vertont", sondern in hochartifiziellen Gesang überführt. Den Primat hat damit eindeutig die Musik. Unterstrichen wird das auch durch die Einbeziehung von Texten in russischer und armenischer Sprache sowie die Anwendung absolut-musikalischer Verfahren wie Krebs- und Spiegelstrukturen auf die Gesangspartien.

Einige thematisch bedeutsame Aspekte des Bühnenwerks finden eine unmittelbare Entsprechung in kompositionstechnischen Verfahren. Zum Beispiel die zunehmende Einengung des Lebenshorizonts, auf die Mandelstams Dichtung mit einer Ausweitung des inneren Raumes antwortete. Huber reagiert darauf mit der schon erwähnten Verlagerung des Geschehens an den Wahrnehmungshorizont des Hörens: Dort, wo der Klang ins Verstummen übergeht, wächst ein ungeheurer Reichtum an musikalischen Gestalten, Klangfarben und Ausdrucksnuancen. Das musikalische Leben findet großenteils an den Rändern der Wahrnehmung statt. Die musikalische Zeitstruktur öffnet diesen Gestalten weite Räume. Im Extremfall ist sie durch statisch wirkende, in sich kreisende harmonische Felder bestimmt, in denen sich die Zeitproportionen überlagern. Mit dieser musikalischen Innenwelt kontrastieren die akustischen Konkretismen, Fenster zur ebenso allgegenwärtigen wie ungreifbaren äußeren Realität, die das ganze Werk mit einer weitmaschigen Netzstruktur überziehen.

Die Musik drängt in "Schwarzerde" nicht zielgerichtet voran, sondern breitet sich aus. Veränderungen sind nicht das Resultat dynamischer Entwicklungen, sondern sie geschehen abrupt, blitzartig. In die Zustände der gefährdeten Existenz schlägt das Verhängnis unvorbereitet ein. Solchen katastrophischen Einschlägen wohnt aber auch in dialektischer Weise ein utopisches Moment inne. Sie verweisen zugleich auf das, was anders sein könnte, im Sinne von Metanoia (Umkehr), einer Denkfigur, die in Hubers Werk immer wieder vorkommt. "Metanoia", so zitiert er in seinem Aufsatz "Ästhetik des Fragmentalen" den Theologen Johann Baptist Metz, "ist nicht ein Ergebnis von Reflexion, sondern schlägt senkrecht ein, wie ein Blitz". In der Zerstörung scheint immer auch ein Funke von Hoffnung auf.

Seit dem Streichtrio von 1989 klingt in vielen Werktiteln von Huber die Pflugmetapher Mandelstams an: Wie der Pflug die Erde umbricht, so holt die Dichtung die verborgenen Schichten der Realität an das Licht des Bewusstseins; und wie das Pflugeisen dabei silbern zu blinken beginnt, so verfeinert sich mit der Arbeit am Werk zugleich das Handwerkszeug des Dichters. Die Metapher könnte auch das heimliche Motto für "Schwarzerde" abgeben. Die unerhört fein geschliffene Musik ist wie Mandelstams Dichtung ein Bekenntnis zum Leben, und gerade in ihrer Zerbrechlichkeit schärft sie das Bewusstsein für den Verlust an Humanität, der uns heute mehr denn je bedroht.

© 2001 Max Nyffeler

Dieser Text ist abgedruckt im Booklet zur CD mit der Aufnahme von "Schwarzerde" (Musikszene Schweiz, MGB 6185)

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