Die "Holidays Symphony" von Charles Ives und die Suche nach den amerikanischen Wurzeln

Ein exzellenter Film mit Michael Tilson Thomas und dem San Francisco Symphony Orchestra

57 William Street, eine unauffällige Adresse ganz in der Nähe der Wall Street. Hier residierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Firma Ives & Myrick, eine Versicherung auf Gegenseitigkeit. Michael Tilson Thomas, Chefdirigent des San Francisco Symphony Orchestra, steht in der New Yorker Häuserschlucht und spricht vor der Kamera über die merkwürdige Doppelexistenz des Firmenchefs Charles Ives, der nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann war, sondern als der Begründer der modernen amerikanischen Musik in die Geschichte eingegangen ist. Es ist eine der vielen aussagenkräftigen Einstellungen in dieser einstündigen Filmdokumentation über Ives und seine „Holidays Symphony“. Mit ihren vier Sätzen, jeder einem patriotischen Feiertag gewidmet, ist sie das vielleicht amerikanischste aller Werke des genialen Einzelgängers, dessen Œuvre tief in der Tradition der Siedlerkultur der amerikanischen Oststaaten wurzelt.

Seine bahnbrechenden Werke schrieb Ives zwischen 1900 und 1918, ausgerechnet in den Jahren, in denen er sich intensiv dem Versicherungsgeschäft widmete: Tagsüber der bürgerliche Beruf, nachts und am Wochenende das Komponieren. Als er das einträgliche Geschäft aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, zog er sich zusammen mit seiner Frau – sie trug den schönen Namen Harmony – in sein Häuschen in der Nähe von Danbury/Connecticut zurück, wo er 1874 zur Welt gekommen war. Hier lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1954, doch in den letzten siebenundzwanzig Jahren komponierte er nichts Neues mehr. Er korrigierte und überarbeitete frühere Werke - unter anderem enstand aus vier einzelnen Orchesterstücken nun auch die "Holidays Symphony" -, er schrieb kleine “Memos“ mit scharfsinnigen Reflexionen über Kunst und Leben und engagierte sich sozial. Anerkennung widerfuhr ihm erst im hohen Alter: Seine Zweite Sinfonie wurde 1951, vierzig Jahre nach ihrer Entstehung, in New York von Leonard Bernstein uraufgeführt, die Dritte erklang erstmals 1946. Als er ein Jahr später den Pulitzerpreis dafür erhielt, sagte er: „Preise sind für Schuljungen. Ich bin kein Schuljunge mehr.“

Der verkannte Pionier

Angesichts der zurückgezogenen Existenz des Bürgers und Komponisten Charles Ives hatte seine Mitwelt jahrelang das Bild eines Sonderlings und kompositorischen Amateurs gepflegt. Seine verqueren Partituren, Klang gewordene Sünden wider den Geist akademisch-korrekten Komponierens, wurden von der Kritik verlacht und von besorgten Kopisten von ihren vermeintlichen Schreibfehlern gereinigt. Erst in den vierziger Jahren erkannte man, mit welcher Ausnahmeerscheinung man es zu tun hatte. Ives hatte schon um die Jahrhundertwende Dinge erfunden, die in Europa teilweise erst Jahrzehnte später ins Blickfeld gerieten: Polytonalität und Polyrhythmik, reihentechnische Verfahren, Collagetechniken, bewegte Schallquellen im Raum und anderes mehr.

Den musikalischen Neuerer Ives würdigt auch Michael Tilson Thomas als ein mit der Materie eng vertrauter Dirigent. Vor der Kamera erweist er sich als Musikpädagoge von Format – ein leidenschaftlicher Anwalt der Musik, der mit seiner Mischung von Sachkenntnis und Begeisterungsfähigkeit einem Leonard Bernstein in nichts nachsteht und auch bei der Konzertaufzeichnung der Sinfonie größte Sorgfalt walten lässt. Doch Thomas belässt es in seinen Kommentaren nicht beim heute allgemein bekannten Bild des Materialrevolutionärs; er rückt die historischen Wurzeln von Ives’ Musik ins Blickfeld, auf die die vielen Zitate und Anspielungen in seinen Partituren verweisen. Es ist die Tradition der Hymnen, Kirchenchoräle und Volkstänze Neuenglands, gemischt mit dem Tschingdarassabum von „Columbia, the Gem of the Ocean“ und „Glory, Glory, Halleluja“, dem Marsch der Nordstaatler aus dem Bürgerkrieg. Diese Musikkultur war für Ives Ausdruck einer Lebensweise, die durch die alten Bürgertugenden und die Ideale der Transzendentalisten vom Schlage eines Emerson und Thoreau geprägt war. Aus der Erinnerung versuchte er sie noch einmal mit gewagten musikalischen Mitteln zu rekonstruieren. Eine Welt, die nach Michael Tilson Thomas mit dem Bürgerkrieg in die Brüche gegangen war.

Als kleiner Junge hatte Charles Ives die musikalischen Experimente seines Vaters miterlebt, der sich als militärischer Bandmaster einen Spaß daraus machte, im Städtchen zwei Musikkorps mit unterschiedlichen Stücken gegeneinander laufen zu lassen. In „The Fourth of July“, dem dritten Satz der „Holidays Symphony“, lässt der Komponist ganze Heerscharen von Musikern aufeinander los und macht das imaginierte Volksfestgewusel zur klingenden Apotheose des großen amerikanischen Traums von einer Gemeinschaft freier Individuen.

Zur Veranschaulichung solcher komplexer Kompositionsverfahren haben die Filmautoren David Kennard und Joan Saffa den Versuch von Vater Ives mit den Marching Bands nachgestellt. Mit frappierendem Ergebnis: Wenn man zwei Musikkorps in historischen Uniformen auf freiem Feld gegen- und durcheinander marschieren sieht und das akustische Resultat dabei hört, wird die Idee des strukturierten Chaos, die Charles Ives in solchen Partiturabschnitten verwirklichte, schlagartig klar. Auch sonst scheut der Film keinen Aufwand, um die Hintergründe Musik zu visualisieren. Die Naturfrömmigkeit eines Walt Whitman, die auch bei Ives anklingt, wird mit stimmungsvollen Landschaftsaufnahmen assoziiert, und um die musikantischen Qualitäten der zitierten Volksmelodien zu demonstrieren, steigen einige Orchestermitglieder gar auf die Freilichtbühne des Hardly Strictly Bluegrass Festivals in San Francisco, wo sie vergnügt ein Ives-Medley fiedeln.

In solchen Momenten zeigen sich die unstreitbaren Vorzüge des Mediums DVD bei der Vermittlung von musikalischem Wissen. Geleistet wird hier eine Art von audiovisueller Partituranalyse, die sowohl Struktur und Gehalt der Musik als auch ihr historisch-biografisches Umfeld auf anschauliche Weise vergegenwärtigt.

Medienpädagogisches Neuland

Die Montage von Musikausschnitten, präzisen Kommentaren, aussagekräftigen Bildern und Spielfilmelementen orientiert sich konsequent am Hörbewusstsein des normalen Konzertgängers, ohne je in Anbiederung zu verfallen. Das gilt auch für die anderen Produktionen mit Werken von Beethoven über Berlioz bis Strawinsky und Aron Copland, die das Orchester in der hauseigenen Reihe „Keeping Score“ bisher veröffentlicht hat.

Mit seinen aufwändigen, von Sponsoren finanzierten Werkmonografien hat das San Francisco Symphony Orchestra medienpädagogisches Neuland betreten. Die DVDs sind Bestandteil einer umfassenden Strategie, die das Ziel hat, neue, jüngere Hörerschichten zu gewinnen und das Stammpublikum zur vertieften Auseinandersetzung mit den Werken zu animieren. Zum weit gefächerten Education Program des Orchesters gehören Medienangebote an Schulen, Radio- und Fernsehsender und nicht zuletzt die Webseite keepingscore.org. Hier werden nicht nur kurze Filmsequenzen aus den DVDs, sondern auch virtuelle Szenen angeboten, die zum interaktiven Gebrauch einladen. Die Marching Bands lassen sich individuell steuern und damit die Klangbalance nach Belieben verändern, und wer Lust hat, kann die patriotische Hymne „My Country, 'Tis of Thee“ auch zur bitonalen Klavierbegleitung singen – im Originalsatz von Charles Ives natürlich.

© Max Nyffeler 2010
Eine Printfassung dieses Textes ist erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 11.9.2010

DVD: Charles Ives: Holydays Symphony. San Francisco Symphony Orchestra, Ltg. Michael Tilson Thomas. Werkmonografie und Konzertaufzeichnung in der DVD-Reihe „Keeping Score“. SFS media (Vertrieb CH: Harmonia Mundi/Musicora; Vertrieb D: Musikwelt)

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