Der eigensinnige Universalist

Ein Portrait zum 70. Geburtstag von Mauricio Kagel und ein Buchhinweis
Von Max Nyffeler

Eine Geschichte wie von Mauricio Kagel erfunden: Der junge Herr K. hat Anzeichen von Tuberkulose und beginnt Vokalisen zu singen, um die Lunge zu stärken. Ein Hornist des Theaterorchesters ist sein Gesangslehrer. Die Folge: Herr K. wird ein Avantgarde-Komponist, ein Provokateur zwar, doch einer, der stets an der Sanglichkeit der vokalen Linie festgehalten hat. Eine erfundene Story? Mitnichten, sondern ein Teil der realen Biografie von Mauricio Kagel. Der Komponist erzählt sie im soeben veröffentlichten Interviewband Kagel. Dialoge, Monologe, einer Fundgrube für Kagelologen, nicht nur was bisher unbekannte biografische Details angeht, sondern auch was seine ästhetischen Auffassungen betrifft. Eine andere Geschichte: Ein Dirigent bricht auf dem Podium tot zusammen, die Musiker springen auf - Ende der Vorstellung. Diese Geschichte ist garantiert aus dem Leben gegriffen; sie hat sich gerade vor einem halben Jahr wieder einmal in Berlin ereignet. Bei Kagel wird daraus ein Stück namens „Finale“. Die Pointe daran ist, dass er damit seinen eigenen Exitus imaginiert hat, denn die Uraufführung dirigierte er selbst, und zwar bei einem Konzert zu seinem 50. Geburtstag 1981. Kunst und Wirklichkeit sind bei Kagel nie eindeutig zu trennen.

„Finale“ ist nicht das einzige Stück, das er sich selbst zum Geburtstag schrieb. Ein Jahrzehnt später komponierte er mit „..., den 24. xii. 1931“ anhand einiger versprengter Meldungen aus alten Zeitungen eine kleine Chronik des Tags, an dem er in Buenos Aires das Licht der Welt erblickte: Heiligabend. Wenn es kein Zufall wäre, könnte das Datum seinem abgründigen metaphysischen Humor entsprungen sein. Mit dem Christkind assoziiert man ihn nicht unbedingt.

Kagel liebt es, zu den Ritualen des Musikbetriebs – und dazu gehört auch das Abfeiern runder Geburtstage – seine eigensinnigen musikalischen Kommentare abzugeben. Auch das eigene Ich wird dann zum interessanten Objekt der künstlerischen Fantasie. Das erstaunt nicht bei einem Komponisten, der die Analyse der objektiven Bedingungen des Musikmachens stets mit einer ironisch eingefärbten, oft auch maskenhaften Selbstreflexion verbunden hat. Kagel hat in seiner fünfzigjährigen Komponistenkarriere gelernt, alles als kompositorisches Material zu behandeln: den einzelnen Klang, das Wort, visuelle und gestische Elemente, Requisiten aller Art, einen historischen Stil, die Eigenschaft eines technischen Mediums. Und eben auch die eigene Erscheinung.

Seit seiner Übersiedlung nach Europa im Jahr 1957 hat sich Mauricio Kagel ein schier unerschöpfliches Reservoir an Gattungen und Aktionsfeldern erschlossen. Es umfasst Konzertmusik, Musiktheater, Hörspiel und Film in allen möglichen Mischformen und Überschneidungen. Die „Reinheit“ musikalischer Sprechweisen, für ihn lange keine erstrebenswerte Kategorie, hat erst in den achtziger Jahren an Bedeutung gewonnen, als er sich vermehrt dem zuwandte, was seit dem 19. Jahrhundert „absolute Musik“ heisst. Auf den Grossteil seines Oeuvres trifft dagegen der von Hans Werner Henze in die Debatte eingeführte Begriff der „musica impura“ zu. Das hybride Genre des „Instrumentalen Theaters“ ist in den späten fünfziger Jahren wesentlich auf dem Humus seiner überbordenden kompositorischen Fantasie gewachsen.

Die Exuberanz von Kagels Erfindung und Kombinationsfreude hat zweifellos mit seiner Herkunft zu tun. Als Nachfahre deutsch-ostjüdischer Emigranten wuchs er im kulturellen melting pot der argentinischen Hauptstadt auf, dem wichtigsten Treffpunkt in der südlichen Hemisphäre für die von den Nazis vertriebene europäische Intelligenz. Internationale Hochkultur in allen Erscheinungsformen kam hier mit dem einheimischen Klezmer- und Tango-Biotop in Berührung – ein idealer Nährboden für ein künstlerisches Denken, das aus der Fülle der unterschiedlichsten Traditionen heraus einen surrealen Bilderreichtum zu schlagen versteht. Jorge Luis Borges, der wohl bedeutendste Repräsentant dieser Kultur, machte auf den jungen Kagel nachhaltigen Eindruck. Kagels erster Filmversuch von 1952 basiert auf einem Gedicht von Borges, und in „Dialoge, Monologe“ entwirft er ein hellsichtiges Portrait des grossen Schriftstellers. Etwas von dessen Universalismus scheint auch auf ihn abgefärbt zu haben, und wenn er Borges mit dem Ausspruch zitiert, die Tradition der argentinischen Literatur sei „die gesamte abendländische Kultur“, so werden darin gewiss auch eigene Ambitionen erkennbar.

Kagel ist nicht nur ein profunder und assimilationsbereiter Kenner vieler musikalischer Traditionen, sondern auch ein gewaltiger Büchernarr und Meister des geschliffenen Worts. Die polemischen Attacken früherer Jahre sind heute einem versöhnlicheren Ton gewichen, sein unangepasstes, zu überraschenden Volten fähiges Denken ist jedoch geblieben. Er liebt eine Dialektik in Bocksprüngen, die er, falls sie nicht aufgeht, notfalls auch mit dem Kunstgriff des Paradoxons zum überraschenden Ende führt. Als literarisch inspirierter Komponist verkörpert Kagel den seltener gewordenen Typus des intellektuellen Künstlers und leidenschaftlichen Perfektionisten, der das Nachdenken über das Metier mit ins Kunstwerk einfliessen lässt. Die Freude am artistischen Spiel hat er darob freilich nicht verloren.

© Max Nyffeler, Dez. 2001

Kagel. Dialoge, Monologe. Hrsg. von Werner Klüppelholz, Dumont Köln, 2001, 352 S.  

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