Helmut Lachenmann: Concertini

Helmut Lachenmanns neues Ensemblestück Concertini, ein Auftrag der amerikanischen Mäzenin Betty Freeman,  wurde vom Ensemble Modern am 25. August dieses Jahres beim Lucerne Festival uraufgeführt. Es bildet den vorläufigen Höhepunkt einer jahrzehntelangen Komponierpraxis, in der er seine Vorstellung von "musique concrète instrumentale" kontinuierlich verfeinert und mit neuen Elementen angereichert hat.

Mit der rund halbstündigen Dauer und seiner gewichtigen Faktur hat es sinfonische Dimensionen, und auch die Besetzung von 25 Spielern ist für eine Ensemblekomposition außergewöhnlich groß. In der umfangreichen Bläsersektion fallen besonders die vier Oboen auf. Das scharf zeichnende Instrument hat Lachenmann bisher wenn überhaupt, dann nur in größeren Orchesterwerken eingesetzt, wo es in eine breite Klangpalette integriert werden kann; in seinem andern großen Ensemblestück Mouvement ( - vor der Erstarrung) von 1984/85 kommt es nicht vor. Charakteristisch für Concertini sind weiterhin die drei Instrumente Klavier, Harfe und Gitarre, die klanglich zwischen dem Schlagzeug und den sieben Streichern vermitteln.

Concertini schreibt in manchen Details die Gedanken und technischen Verfahren früherer Werke Lachenmanns fort, so etwa besondere Aktionen wie das Scharren und Reiben auf Holzkanten oder die breite Skala an geräuschhaften Artikulationen bei Bläsern und Streichern. Auf Mouvement (- vor der Erstarrung) - dem Werk, das die langjährige Freundschaft Lachenmanns mit den Musikern des Ensemble Modern begründete - beziehen sich die schnellen triolischen Bläserfiguren, die die dramatische Klimax ungefähr in der Mitte des Werks bilden. Der komplexe Streichersatz im Schlussteil verwendet eine Passage aus dem dritten Streichquartett Grido, ebenso die zahlreichen "phonetischen Aktionen", die den Instrumentalklang organisch erweitern und vom Atemgeräusch bis zum Schrei reichen. Es sind in aufreizender Weise eigensinnige, undomestizierte Geräuschklänge, die da im Labyrinth dieser Concertini herumirren und -schwirren, späte und überraschend neue Blüten eines kompositorischen Denkens, das aus dem Kampf gegen die Konvention noch immer Kraft zu schöpfen versteht. Im neuen Ensemblewerk entfalten sie eine ungewöhnliche Sprachfähigkeit und Ausdruckskraft.

Der Titel Concertini erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Worts "Konzertieren" im Sinne von Wettstreit in kleinen Gruppen. Und tatsächlich entfesselt die Partitur das ganze Potential eines Instrumentalensembles, angefangen von den spieltechnischen Fähigkeiten des Einzelnen über das hörende Miteinander und das reaktionsschnelle Spiel in stets wechselnden Gruppen bis zur Tuttivirtuosität; die Identität des einzelnen Musikers changiert zwischen Solist und Ensemblespieler.

Die Soli von Klavier, Gitarre und Harfe sind organisch ins Ganze eingebaut, sie wachsen schrittweise aus dem Kontext hervor und lösen sich allmählich wieder in ihm auf. Gleich zu Beginn paaren sich Posaune und Klarinette in der subtilen Suche nach dem Einklang. Celli, Flöten, Marimbas und Klavier jagen sich zu zweit mit schnellen Läufen quer durch ein rhythmisch komplex zerhacktes Impulsfeld. Vier Blechbläser - alle auf Trompeten - und die beiden Klarinetten erzeugen eine weit ausschwingende Geräuschklangmelodie, espressivo und appassionato. Der signalhafte Klang der sechs leeren Saiten, mit dem sich die Gitarre in ihrem Solo vorstellt, wird von begleitenden Instrumenten aufgegriffen und variiert. Die Streicher verbinden sich auf kleinstem Raum zu verstohlenen, durch Geräuschklänge verdeckten Dreiklangmixturen. Bei ihren rasenden Läufen in Zweiunddreißigsteltriolen schießen die Bläser in schnell wechselnden Parallelführungen im Unisono, im Sekund-, Terz- und Quartabstand durch den Raum; die vier Oboen, die zuvor hauptsächlich durch Blas- und Scharrgeräusche sowie Knackfroschaktionen aufgefallen sind, vereinigen sich hier einige Takte lang zum grellen Unisono. Nach dem dreimaligen Ausbruch an kinetischer Bläserenergie, der zuletzt auch alle andern Instrumente in den Wirbel hineinreißt, folgt ein kollektives Auspendeln der Bewegung in starren Ostinatofiguren. Das letzte dieser gruppenweisen Concertini beginnt nach dem Ausklingen des kleinen "Streichkonzerts" im Schlussteil; mit langen Haltetönen bilden die Bläser hier einen synthetischen Shô-Klang.

Die Aufzählung solcher Momente, jeder auf seine Art singulär, ließe sich beliebig verlängern. Die Partitur offenbart einen unerhörten Reichtum an "konzertierenden", ineinander verwobenen und verkeilten Aktionen, die daraus resultierende Großform bildet einen weiten, zerklüfteten Bogen. Dass in dessen Abbauphase die Spannung nicht nachlässt, wird garantiert durch Tempowechsel und eine zunehmende Diskontinuität der Ereignisse. Auch überraschend neue Elemente wie der extrem dicht gearbeitete und sich langsam in Geräuschprozesse auflösende Streichersatz, der den Schlussteil dominiert, lassen den Gedanken des Konzertierens noch einmal in intensivem Licht erstrahlen.

© Max Nyffeler 2005. Abdruck nur mit Genehmigung des Autors.

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