Köpft die Aufsichtsräte!

Rolf Liebermann über Opernbetrieb und Opernnachwuchs

 
  Herr Liebermann, welchen Rat würden Sie heute einem jungen Komponisten geben, der für das Musiktheater arbeiten will?  
  Er sollte sein Stück mit vielen Freunden aus seiner Generation einfach irgendwo in einem Schulhaus oder in einer Turnhalle szenisch aufführen, am Klavier oder mit drei Gitarren, wenn es sein muß. Für die Familie, für die Freunde und vor allem für sich selbst. Es einfach einmal realisieren. Schon um die Sänger ihre Erfahrungen machen zu lassen und um selbst Erfahrungen mit den Stimmen machen zu können. Und nicht warten, bis irgendeiner aus diesen verknöcherten Institutionen sich endlich entschließt, das Risiko einer Aufführung einzugehen. Ich glaube, das ist heute der einzige Weg. Vielleicht kommt dann doch einmal jemand vom Fernsehen oder vom Radio - vom Theater kommt eh' keiner - und schaut sich die Sache an. Oder ein Verleger kommt und und zeigt Interesse. Nur mit Eigeninitiative kann man gegen diese ganze Front von Betonköpfen angehen, die überall herrschen. Es gibt ja überhaupt kein Verständnis mehr für die Offenheit, die es braucht, um Kunst zu ermöglichen. Die Institutionen schauen nur noch aufs Geld und auf den Publikumserfolg. Ich habe neulich eine wunderbare Aufführung von Cosí fan tutte hier in Hamburg gesehen - von den Jungen gemacht. Fabelhaft! Nun ja, manchmal haperte es noch ein wenig, einige Töne kamen noch nicht ganz sicher. Aber das ist ja erst einmal egal. An den Hochschulen gibt es noch diese Chance, etwas zu kreieren. Die haben ihren Theatersaal, ihr Hochschulorchester. Da läßt sich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen etwas auf die Beine stellen. Ich bin ganz sicher, daß das der einzige Weg ist, weil man nicht warten kann, bis irgendein Intendant einmal den Mut hat, ein modernes Stück zu produzieren. Und wenn, dann bestellt er es bei Ligeti, aber nicht bei einem Fünfundzwanzigjährigen. Da muß man einfach selber an die Arbeit.  
  Gehen die Institutionen heute zu sehr auf Nummer sicher?  
  Die Institutionen schauen heute nur noch auf Einschaltquoten, Einnahmen und Snob-Appeal. Sie sind völlig versteinert.
Trotzdem muß es mit ihnen ja irgendwie weitergehen. Was ist zu ändern, um die Versteinerung aufzubrechen?  
  Man müßte endlich einmal diese Aufsichtsräte köpfen, und zwar alle von A bis Z. Sie hinauswerfen und Fachleute holen, die etwas verstehen vom Geschäft. Das müßte man ändern: diese Parteienwirtschaft mit Funktionären, die als Nebenbeschäftigung auch noch irgendwo im Aufsichtsrat eines Theater oder einer Konzertgesellschaft sitzen, und die dann ohne jede sachliche Kompetenz über die Besetzung der wichtigsten kulturellen Positionen einer Stadt zu entscheiden haben. Sie holen sich diese Kompetenz nicht einmal. Sie machen es in der eigenen sachlichen Inkompetenz. So läuft das. Und dann diese furchtbare Stellenausschreibung! Man kann einen Intendanten nie finden, wenn man eine Stelle ausschreibt. Zwei sind jetzt wieder, glaube ich, in Deutschland ausgeschrieben. Eine furchtbare Idee! Man muß den Mut haben, das zu ändern. Die Macht in den Gremien muß an Leute abgetreten werden, die den Beruf kennen, die auch keine persönlichen Ambitionen mehr haben und damit viel freier sind. Doch diese Abtretung von Rechten und von Macht findet nie statt. Und dann bestimmen eben zehn Rechtsanwälte über einen Intendanten. Da liegen die Probleme. Wenn Sie sich vorstellen, daß heute die Leitung der Semper-Oper international ausgeschrieben ist! Und die frischgewählten Vertreter der Stadt Dresden bestimmen dann, wer den Posten bekommt. Ich bitte Sie, das kann doch nicht funktionieren. Udo Zimmermann als Intendant in Leipzig, das ist zum Beispiel eine gute Lösung. Der weiß doch wenigstens, um was es geht, der hat selber Opern geschrieben. Es gibt also schon Möglichkeiten. Aber wie die Funktionen heute überall besetzt werden, finde ich katastrophal. Was man jetzt in Paris mit der Bastille gemacht hat, ist absolut verbrecherisch. Man machte Herrn Bergé zum Präsidenten und Allmächtigen, nur weil er Saint-Laurent gut verkauft hat. Das ist alles absurd, absurd. Diese Leute haben keinen Dunst vom Geschäft. Sie wissen nicht, wie man eine Stimme pflegt und wie man ein Stück aufbaut, sie wissen nicht einmal, was ein modernes Stück ist, sie wissen nicht, was ein Komponist kann und will und muß. Das alles ist furchtbar.  
  Die vielbeschworene Krise des Musiktheaters ist also eher eine Krise der politischen Aufsichtsgremien des Musiktheaters, der kulturpolitisch Verantwortlichen?  
  Selbstverständlich. Es ist eine reine Machtfrage. Es gibt keine künstlerische Krise! Wir haben letztes Jahr ein hervorragendes Stück von Pascal Dusapin in Avignon herausgebracht, das durch die Vuitton-Stiftung finanziert wurde. Nachher ging es nach Montpellier, Straßburg und in Bonn. Die Stiftung bezahlte dem Komponisten und dem Librettisten zwei Jahre lang ein Monatsgehalt, sie finanzierte die Produktion und die Reisen. Dusapin wurde dadurch maßgeblich gefördert. Und in diesem Jahr kommt eine Uraufführung von einem anderen hochbegabten jungen Komponisten, wie Dusapin noch nicht dreißig. Das heißt doch: Wenn man will, kann man schon produktiv Geld einsetzen, auch als Sponsor. Aber daran mangelt es überall und in der Schweiz ganz besonders. Es gibt dort in dieser Richtung keine wirklich großzügigen Initiativen, abgesehen von Paul Sacher. Es gibt keine Stiftungen, die sich darum kümmern, daß jemand zum Beispiel Klaus Huber, einen Komponisten, den ich hoch schätze, animieren würde und ihm sagte: "In zwei Jahren machen wir dein Stück. Schreibe etwas, such dir einen Text, und wir werden uns um die Uraufführung kümmern. Du kriegst dafür hunderttausend Franken, dreißig pro Jahr und an der Premiere vierzig." Dann wird er es schreiben, weil dann nämlich seine Lebenskosten gesichert sind. Es wird herauskommen, man hat etwas Neues geschaffen, etwas für die Zukunft getan. Aber was geschieht heute? Man spielt die Lustigen Weiber oder die Butterfly. Etwas Wichtigeres gibt es scheinbar nicht zu tun.  
  Also müßten die politischen Entscheidungsstrukturen im Kulturbetrieb geändert werden?  
  Nur die Entscheidungsstrukturen sind wichtig, im privaten und im öffentlichen Sektor. Sie müssen stimmen. Wer kann denn beispielsweise bei der Verpflichtung eines neuen GMD beurteilen, worauf es ankommt? Wer sind die Leute, die über einen neuen Chef bestimmen, der nachher jahrelang ein Orchester drangsaliert? Das sind sicher liebe, nette Menschen, aber die haben doch keine Ahnung von der künstlerischen Materie. Das ganze Problem der Disposition künstlerischer Aktivität muß neu überdacht werden. Jetzt funktioniert es nicht. Und da sollte man endlich einmal ein Einsehen haben. Diese Kommissionen, diese Aufsichtsräte - das ist alles Unfug. Unbrauchbar. Man müßte einen politischen Kampf führen und den Verantwortlichen endlich begreiflich machen, daß es auf die Art nicht geht und niemals gehen wird.  

Das Interview entstand am 13.2.1990 in Hamburg und wurde im März 1990 von Radio DRS-2 gesendet. Die Fragen stellte Max Nyffeler.

© 2000 Max Nyffeler

Dossier Rolf Liebermann
Komponisten: Portraits