Auf Spurensuche im globalen Dorf

Anmerkungen zur Musik von Liza Lim

Der kulturelle „Wanderer zwischen den Welten“, einst ein beliebter Topos für Literaten mit Zweitwohnsitz in der Toscana oder im New Yorker Soho, hat unter den Bedingungen der Globalisierung eine völlig neue Gestalt angenommen. Heute geht er als musikalischer Entwicklungshelfer nach Saigon oder als Intendant nach Dubai, und immer häufiger erscheint er auch als kulturell selbstbewusster Gast aus fernen Weltgegenden, der sich in Old Europe einmal etwas genauer umschauen möchte. Auf der bisherigen Einbahnstraße des Kulturexports gibt es zunehmend ebenbürtigen Gegenverkehr.

Zu denen, die regelmäßig in Europa auftauchen und ebenso viel Eigenes mitbringen wie sie Neues von hier mitnehmen, gehört Liza Lim. Seit gut einem Jahrzehnt begegnet man ihrer Musik in den Festivals und Konzertreihen zwischen London, Paris und Salzburg. Geboren 1966 in der australischen Stadt Perth als Kind chinesischer Eltern, studierte sie in Australien beim Komponisten und Zukunftsforscher Richard Hames und bei Ton de Leeuw in Amsterdam.

Synthese von Ost und West

China – Australien – Europa: das interkulturelle Denken, für die jüngere Künstlergeneration zunehmend eine Selbstverständlichkeit, ist bei Liza Lim gelebte Wirklichkeit. Ihre Musik besitzt einen unverwechselbaren Tonfall, der fernöstliche Idiomatik mit europäischen technischen Standards verbindet. Es ist ein sinnlich leuchtender, vielfarbig schillernder Klangstrom, der sich prozesshaft in die Zeit ergießt und den Hörer, der sich ihm überlässt, mit sich fortzieht.

Was diese fremdartigen Klänge so suggestiv erscheinen lässt, ist die Sprachähnlichkeit der musikalischen Gesten. Mit ihrer gepressten Tongebung, den Glissandi, schwankenden Mikrotönen und fluktuierenden Lautstärken klingen die fein gearbeiteten, ineinander verknäuelten instrumentalen Linien wie ein vielstimmiger Chor von Geisterwesen. Steuernder Intellekt und Emotion, im westeuropäischen Kulturkreis längst aus dem Gleichgewicht geraten, schaukeln sich in Liza Lims Musik gegenseitig hoch und verbinden sich zu einem Energiepotenzial, das archaische Kräfte freisetzt.

Das Reservoir, aus dem sie schöpft, sind einerseits fernöstliche Traditionen – das chinesische Straßentheater mit seinen magisch-rituellen Elementen, die tief aus dem Körperinneren aufsteigende Expressivität der koreanischen Musizierpraxis –, aber auch die Mystik des Sufigesangs und seit einigen Jahren die geheimnisvollen Rituale der  australischen Ureinwohner. Eine brodelnde Mischung archaischer Kulturreste, künstlerisch aufbereitet mit klarem analytischem Verstand und mit den Mitteln des heutigen Komponierens zur Form gebracht.

Transzendenz im Klang

Klang ist für Liza Lim ein Medium der Transzendenzerfahrung. Anders als bei vielen europäischen Avantgardisten, für die er nur kompositorisches Material und Baustoff zur Konstruktion eines objekthaften Produkts darstellt, ist er für sie der Ort, an dem sich symbolhaft die Präsenz des Geistigen manifestiert. Darin trifft sie sich mit Komponisten wie Giacinto Scelsi, Gérard Grisey, dem späten Nono oder dem späten Klaus Huber.

Hinter ihrer Klangvorstellung steht die in den ostasiatischen Religionen verbreitete Auffassung von der tieferen Einheit der Gegensätze. Klang als vergängliche Erscheinung in der ihn umgebenden Stille ist für sie wie das Tuschezeichen, das in der Leere des Papiers eine schwarze Insel bildet. Das Nichts umschließt und bedingt das Etwas. Die Ränder des Klangs – der Einschwingvorgang und das anschließende Übergehen in Stille – sind jene flüchtigen Momente, in denen sich das Etwas und das Nichts berühren und sich der Geist in der Materie manifestiert.

Liza Lim erläutert das mit einem Hinweis auf die chinesische Zither Qin; das Spiel auf diesem Instrument besteht in der Kunst, die Übergänge zwischen Klang und Stille in allen Nuancen hörbar zu machen. Die an den Feinheiten des Qin-Spiels geschärfte Wahrnehmung ist für die Komponistin Bestandteil einer „Ästhetik des Hörens, die die spirituelle Dimension des Musizierens ins Zentrum rückt.“ Das Wahrnehmungsmodell lässt sich auf ihre eigenen Partituren übertragen.

Kollektive Erinnerungen

"Ich war stets angezogen von der Idee, das Gedächtnis zu befragen oder die Geister der Vorfahren anzurufen", sagte Liza Lim vor acht Jahren in einem Gespräch über ihr Ensemblewerk „Machine für Contacting the Death“, komponiert zu einer Ausstellung mit zweieinhalbtausend Jahre alten chinesischen Grabbeigaben in Paris. Und für ihre Kammeroper „Oristeia“ benutzt sie die Bezeichnung „Memory theatre“. Erinnerung spielt in ihrer musikalischen Poetik eine zentrale Rolle – nicht historisch verstanden, sondern als Vergegenwärtigung kollektiver, in den Tiefenschichten der Psyche abgelagerter Wissensbestände und mythisch-religiöser Erfahrungen. Die Begegnung mit dem Vergangenen wird so zur Reise in ein jenseitiges Reich, in dem die Geister der Verstorbenen zeitlos lebendig sind.

In ihren jüngsten Werken benutzt sie als Vehikel für diese Reise die Kultur der australischen Ureinwohner. Sie spürt dabei jenen „Traumpfaden“ nach, die vor ihr schon Bruce Chatwin in seinem Buch „Songlines“ erforscht hat. Persönliche Begegnungen halfen ihr, einen Blick zu werfen auf die unter einer dünnen Schicht des heutigen Alltagsbewusstsein schlummernden magischen Realität der Aborigines. In „Songs Found in a Dream“, uraufgeführt 2005 in Salzburg, hat sie diese Erfahrungen musikalisch umgesetzt.

Spurensuche betreibt Liza Lim aber auch in Europa. Den Anstoß gab ihr ein Aufenthalt in Venedig. Die Stadt im Wasser weckte ihre künstlerische Phantasie – ein unwirklicher Ort der atmosphärischen Täuschungen, wo historische Erscheinungen und Gegenwartsbewusstsein ineinander verschwimmen. In „City of Fallen Angels“ für zwölf Schlagzeuger, uraufgeführt 2007 beim Lucerne Festival, hat sie ihre Wanderungen zwischen Toteninsel und Lido in klangliche Visionen von starker Bildhaftigkeit umgesetzt. Assoziationen mit Walter Benjamins „Engel der Geschichte“, die in dieses Stück ebenfalls hineinspielen, tragen zum Eindruck, dass diese Klänge eine Grenzsituation markieren, bei.

Bei ihrem Eintauchen in die venezianische Kultur stieß die Komponistin auch auf ein Instrument aus der italienischen Spätrenaissance, das ihren Vorstellungen von expressiver Linearität und fluktuierendem Klang überraschend nahe kommt: Die Ganassi-Blockflöte. Mit ihrem erweiterten Umfang und dem wandlungsfähigen Ton klingt sie bei Liza Lim beinahe wie eine asiatische Flöte. Sie hat das Instrument in ihre neue Oper „The Navigator“ eingebaut, die im kommenden Juli in Brisbane uraufgeführt wird.

Es ist ihr ganz persönlicher Beitrag zur „Originalklang-Praxis“, nicht zum Zweck der historisierenden Aufführung Alter Musik, sondern zur Verwirklichung neuer künstlerischer Ideen. Darin zeigt sich der Blick von den Antipoden auf unsere europäische Kultur: Spurensuche global zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

© Max Nyffeler, 2008
Eine Printfassung dieses Texts ist erschienen im Programmheft zu "März Musik", Berlin 2008.

Dossier Liza Lim
Komponisten: Portraits, Dossiers

 

Beckmesser Home