Moderduft der Aristokratie
Eindrücke vom Londoner Almeida Opera Festival

Der neue Publikumsliebling der englischen Musikszene heisst Thomas Adès. Der hochbegabte, 1971 geborene Komponist, Dirigent und Pianist wird mit Aufträgen und Ämtern eingedeckt, seine Werke werden an prominenten Orten und von erstkassigen Orchestern und Ensembles gespielt. Institutionen wie die junge Birmingham Contemporary Music Group und das etablierte Aldeburgh Festival haben ihn zu ihrem künstlerischen Leiter gekürt. Mit der Folge, dass in Aldeburgh nun in diesem Jahr sein Bühnenerstling Powder Her Face im Programm steht, die erfolgreiche Auftragsproduktion des Londoner Almeida Festivals von 1995. Und weil Almeida und Aldeburgh seit zwei Jahren kooperieren, konnte man sich das Stück nach vier Jahren im Recycling-Verfahren nun gleich ein zweites Mal auf der Londoner Bühne anschauen.

Das Festival im kleinen Almeida Theatre im Stadtteil Islington hat mit ästhetisch mutigen Eigenproduktionen und internationalen Gastspielen bisher einen markanten Akzent in der Londoner Sommersaison gesetzt. Einerseits entdeckte es viele einheimische Talente, andererseits brachte es bedeutende Ur- und Erstaufführungen internationaler Komponisten. Doch haben sich wohl die Verantwortlichen diesmal gesagt, dass man statt neuer Experimente ja auch alte Erfolge zeigen könne. Sie wurden von der Publikumsresonanz bestätigt.

Powder Her Face, das neu-alte Paradestück des diesjährigen Festivals, ist so richtig nach englischem Geschmack. Ihm liegt die Lebensgeschichte der Herzogin von Argyll zugrunde, die wegen ihrer sexuellen Abenteuer von ihrem nicht weniger freizügigen Ehemann geschieden wurde und 1993 verarmt starb. Das Libretto von Philip Hensher verbindet auf geschickte Weise den obligaten Verweis auf die Doppelmoral mit der in England beliebten Schlüssellochperspektive auf das heimliche Treiben der Upper Class - ein Gesellschaftsspiel, das die Boulevardpresse täglich grell zu instrumentieren weiss. Doch auch in seiner gepflegteren Opernvariante entlockt es dem Publikum noch manchen verklemmten Lacher. Diese Story hat Adès mit sicherer Hand in eine Musik des Déjà-vu eingewickelt, für die Henzes Vaudeville La Cubana Pate gestanden haben könnte. Sie arbeitet mit Reminiszenzen an Weill, Strauss und Berg und bemüht sich, dem morbiden Tonfall gelegentlich eine tragische Note unterzumischen. Regie und Bühnenbild (David Alden, Gideon Davey) gewannen dem Stück auch düstere, unheimliche Züge ab und der dirigierende Komponist konnte sich auf vier hervorragende Sängerdarsteller verlassen.

Einen munteren Kontrapunkt zu dieser modrigen Satire setzte der junge Jonathan Dove mit seiner Kirchenoper Tobias and the Angel. Als Werk für professionelle Musiker und für Laien steht es in der in England eifrig gepflegten Tradition der 'community opera'. Der Theaterautor David Lan schuf aus dem apokryphen Tobias-Buch ein Libretto, das dem Komponisten viele Gelegenheiten für dramatische Ensemble- und Massenszenen gibt. Doves Musik ist unambitioniert, doch funktional und bühnenwirksam; sie spielt mit Orientalismen und atmosphärischen Werten, ohne je in Religionskitsch abzugleiten. Erstklassige Solisten agierten zusammen mit einem Kinder- und einem Laienchor. Musik, Choreographie, Lichteffekte und ein bescheidenes Bühnenbild ergänzten sich in der Regie von Kate Brown zu einem kleinen Gesamtkunstwerk, das den nüchternen Kirchenraum vergessen liess und das Publikum verzauberte.

Die Konzerte mit neuer Musik, die das rund dreiwöchige Almeida Festival jeweils ergänzen, fanden erstmals in der neu hergerichteten Hoxton Hall statt, einem intimen viktorianischen Saal mit Vorstadt-Charme. Das von John Woolrich geplante Programm enthielt unter anderem Porträtkonzerte von Adès, Joby Talbot, Vinko Globokar und Salvatore Sciarrino. Dass das ambitionierte Composers' Ensemble an einem Grossteil aller Konzerte beteiligt war, zeugte zwar von Mut, bei der Menge an Stücken aber auch von Sorglosigkeit gegenüber den Erfordernissen der individuellen Musiksprachen.

© Max Nyffeler
(1.11.1999)