Musikbiennale München:
Uraufführungen von Claus-Steffen Mahnkopf und Chaya Czernowin
Von Max Nyffeler

"Über die Grenzen" heißt das Motto der diesjährigen Musikbiennale, und damit verbunden ist die Idee, zu Beginn des neuen Jahrhunderts Neuland für die Gattung Musiktheater zu erschließen. Während Hans Werner Henze mehr den traditionellen Gattungsvorgaben folgte, was beachtenswerte Produktionen keineswegs ausschloß, scheint sein Nachfolger Peter Ruzicka die Biennale mehr zu einem Experimentierlabor machen zu wollen. Da paßt die zukunftgerichtete Thematik gut zum Programm dieser Biennale - der ersten übrigens, für die Ruzicka vollumfänglich verantwortlich ist.

Das Programm zeigt, daß mit der angestrebten Neuziehung von Grenzen alte avantgardistische Postulate wieder zur Debatte gestellt werden sollen: Abschied von der "Literaturoper", was immer man auch darunter verstehen mag, neue Formen von Narrativität abseits von einem linear vertonten Libretto, sowie ein neues, experimentelles Verhältnis der Elemente, die die seltsame Mischgattung Oper ausmachen: Musik, Wort, Handlung, Bühnenbild. Neue technische Medien wie Video und Live-Elektronik sollen das Spektrum der traditionellen Ausdrucksmittel ergänzen.
    Wo soviel hochgemute Zukunftserwartung besteht, kann es nicht schaden, noch einmal einen Blick zurück aufs abgelaufene Jahrhundert zu werfen: sich der Vergangenheit zu vergewissern, um daraus eine heutige Zukunftsperspektive zu entwickeln. Das mögen sich, nicht zu Unrecht, die Autoren der ersten beiden Produktionen der diesjährigen Biennale gesagt haben. Die Thematik beider Uraufführungen befaßt sich mit den historischen Verbrechen des 20. Jahrhunderts: mit Holocaust, Krieg und den zerstörerischen Folgen des technischen Fortschritts. Ein großes Thema für einen kurzen  Musiktheaterabend, ohne Garantie für sicheren künstlerischen Erfolg.
Die Qual der Erinnerung
Die Resultate waren denn auch sehr unterschiedlich. Claus Steffen Mahnkopf greift in Angelus Novus auf die fortschrittspessimistischen Thesen von Walter Benjamin zurück und macht daraus eine Art Musiktheater-Essay, der die geschichtsphilosophischen Erwägungen optisch-akustisch umzusetzen versucht. Chaya Czernowin dagegen geht den Weg der konkreten Erfahrung. Angeregt durch einen Roman von David Grossman, bringt sie das Trauma des Holocaust als stummen Dialog zweier Menschen auf die Bühne und erreicht mit dieser einfachen Konstellation, daß man dem inneren Geschehen fünf Viertelstunden lang gebannt und beklommen folgt. Pnima ... ins Innere heißt das Stück der 43-jährigen Israelin, die unter anderem in Deutschland studierte und zur Zeit in San Diego unterrichtet. Szenenbild von 'Pnima... ins 
Innere'Es geht um das Nichtvergessenkönnen der Opfer. Dem von seinen Erinnerungen verfolgten alten Mann begegnet ein Kind, das ihn in kindlicher Unschuld von seinem Alptraum ein wenig zu befreien vermag. Die Bürde der Erinnerung geht auf die nächste Generation über und verringert sich so ein wenig.
    Die musikalischen Mittel, mit der dieser psychische Prozeß dargestellt wird, sind relativ spröde, doch dem Geschehen angemessen. Ein Streichorchester im Graben bildet eine Art objektivistischen Klanghintergrund. Den beiden stumm agierenden Figuren auf der Bühne sind je zwei Männer- und zwei Frauenstimmen zugeordnet. Die Sänger sitzen links und recht auf der Vorderbühne. Sie produzieren dann und wann karge Vokalaktionen, unterstützt von einigen solistischen Instrumenten mit stark geräuschhaften Aktionen. Die Live-Elektronik projiziert diese Geräuschklänge in den Raum.
    Die Musik von Pnima ... in Innere besitzt wenig Entwicklung. Sie betont mehr den Zustand des latenten Schreckens als den subtilen psychischen Prozeß, der sich zwischen den beiden Bühnenfiguren abspielt. Diesen verständlich gemacht zu haben ist das Verdienst der behutsamen und einfühlsamen Regie von Claus Guth. Christian Schmidt lieferte ihm ein Bühnenbild, das den schrecklichen Nicht-Ort der Erinnerung in einem kahlen Raum ansiedelt und darüber hinaus durch lange Videosequenzen die Brücke zur heutigen Alltag schlägt: Wir machen eine Autofahrt durch die Dachauer Straße in München, bis wir schließlich an ihrem Zielpunkt ankommen.
Eine Hommage an Walter Benjamin
Was bei Chaya Cernowins Stück und seiner Inszenierung mit einem relativ einfachen Ansatz gelingt, nämlich die packende Vergegenwärtigung des Vergangenen, versucht Claus Steffen Mahnkopf in Angelus Novus auf seine Weise mit einem gewaltigen Aufwand an geschichtsphilosophischen und ästhetischen Überlegungen. So wird der Zuschauer Zeuge der Geburt der Musiktheaters aus dem Geiste der Theorie. In zähflüssigen 75 Minuten werden Thesen und Merksätze von Walter Benjamin auf die Leinwand projiziert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit postiert sind die Musiker. Hinter ihnen befindet sich ein bogenförmiger Laufsteg, auf dem Regisseur Taygun Nowbary eine Frauen- und eine Männerfigur allerlei stumme Szenen darstellen läßt - Allegorien des Elend der Menschheit von Adam und Eva bis zum modernen Massenvernichtungskrieg. Doch die Hauptsache für den Komponisten, der sich als Hauptbannerträger des sogenannten Komplexismus versteht, ist seine Musik: die ungeheuer fleißig aufs Papier gebrachten komplizierten Notenmengen, die sich zu kleinen hochvirtuosen Solo- und Ensemble-Nummern addieren und von den Musikern des Ensemble SurPlus mit Aufopferung wiedergegeben werden. Dazu kommen mehrere Sopransoli, deren unverwandter Gestus des Würgens, Stöhnens und Schluchzens unüberhörbar die Unmöglichkeit gesanglicher Schönheit angesichts der gehäuften Menschheitsverbrechen signalisiert.
    Als wortreicher Selbstexeget betont Mahnkopf im Programmheft den Primat der musikalischen Autonomie und distanziert sich in Andeutungen vorsorglicherweise auch gleich von der zu erwartenden, notwendigerweise problematischen Bebilderung seiner Konzertstücke. Die Optik gewinnt jedoch im Lauf des Abends immer mehr die Oberhand. Wenn gegen Schluß die Videoprojektionen in rasender Zeitlupe die Apotheose des technischen Zeitalters vor Augen führen, erscheint die ambitionierte Instrumentalmusik Mahnkopfs dazu wie eine hoffnungslos veraltete Handwerkelei. Es ist der falsche Soundtrack.
Von Theater hält Mahnkopf offensichtlich nicht viel, und er hat es sich schamlos leicht gemacht. Seine Produktion könnte ohne weiteres auch bei den Wittener Kammermusiktagen aufgeführt werden. Denn Qualität hat sie musikalisch. Und die szenische Hilfssmittel für solche Konzepte stehen dort auch zur Verfügung. Eine Musiktheater-Biennale, gar eine mit ultimativem Zukunftsanspruch, braucht es dazu nicht.

© Max Nyffeler (Mai 2000)
Foto: Szenenbild aus Pnima... in Innere  © Regine Koerner