Widerschein verborgener Botschaften

Herbert Wernicke inzeniert im Basler Theater sechs Bach-Kantaten
Von Konrad Rudolf Lienert

Wie bei den meisten Jubeljahren ist auch beim Bachjahr 2000 zu fragen, was es denn eigentlich gebracht hat. Und wie oft in solchen Fällen verdient das Einzelereignis weit eher Beachtung als die stets problematische Globalbilanz. Zu den Ausnahmeerscheinungen gehört ohne Zweifel die Produktion, mit der das Basler Theater zum Jahresende Bach dramatisierte. In einem sehr wörtlichen und gleichzeitig überraschenden Sinn: Indem es auf seiner Grossen Bühne gleich sechs seiner Kantaten en suite vom Regisseur Herbert Wernicke inszenieren liess.
    Bach szenisch, und ausgerechnet seine auf geistliche Inhalte gerichtete Kirchenmusik als Spektakel? Der Versuch fiel sehr viel überzeugender aus, als man erwarten durfte. Wo Gott der Herr nicht bei uns hält (BWV 178), Wer weiss, wie nahe mir mein Ende (BWV 27), Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe (BWV 25), Ach wie flüchtig, ach wie nichtig (BWV 26), Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei (BWV 179) und, zum Schluss, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit, der Actus tragicus BWV 106 also, der dem ganzen Unternehmen den Titel gab – diese eindringliche, der Vergänglichkeit gewidmete Sequenz aus Bachs Kantatenwerk wird von Wernicke selbstverständlich nicht direkt, nicht eins zu eins in Bilder umgesetzt. Der Theatermann liefert zu ihr vielmehr eine Art von optischem Kontrapunkt, dem gegenüber sich die Musik umso stärker und nachhaltiger profiliert, als Bild- und Hörebene zunächst vermeintlich kaum etwas mit einander zu schaffen haben.

Wiederholungszwang

Den ganzen Bühnenraum nimmt ein Haus ein, dessen Fassade fehlt, so dass wir Einblick in sein Innenleben haben: ein Wohngebäude offensichtlich, das scheinbar aufsteigt ins Unendliche. Seine Räume sind verschachtelt, beklemmend eng zuweilen, nur unter Verrenkungen zu betreten. Ein riesiges Puppenhaus oder – Big Brother lässt grüssen – ein Container?
    Was sich in diesem Behälter für menschliche Käfighaltung abspielt, sind Rituale. Da ist nicht nur die junge Dame, die immer wieder vom Einkaufstrip nach Hause kommt, um ihr neues Kleid, einem Model gleich, vor ihrem Spiegel zu probieren. Nicht nur der vom Wahn der Zeitmessung Besessene, der zwanghaft seine Uhren aufzieht, vergleicht und richtet. Nicht nur der Sterbende, stets von neuem besucht von einem Arzt, der seinen Arm ergreift, um ihm den Puls zu fühlen. Auch der Polizist, der unentwegt denselben Mann, einen Asylanten augenscheinlich, verhaftet, der Einbrecher, der als Wiederholungstäter unbehelligt beim Schwerkranken das Paket entwendet, das diesem zuvor von der barmherzigen Krankenschwester gebracht worden war, der Pastor, der im ganzen Haus unentwegt Kreuze an die Wände hängt, nur um sie gleich darauf erzürnt wieder abzureissen, ja sogar der Selbstmörder, der die immergleichen Vorkehrungen für seinen Suizid triftt, ohne ihn je wirklich zu vollenden – sie alle absolvieren roboterhaft ihre stereotypen Verrichtungen. Dass, völlig zeitgemäss, irgendwo im zweiten Stock auch noch in einer Endlosschleife jenes Ritual abläuft, das uns jetzt eben wieder beschäftigt hat: das Schmücken des Weihnachtsbaumes und der Tausch der Geschenke in seinem milden Licht, ist sozusagen Ironie auf höherer Stufe.
    Für Wernicke ist es nicht das erste Mal, dass er den Wiederholungszwang thematisiert. Auch wenn die Actus tragicus-Premiere bereits vor Weihnachten stattgefunden hat, fühlt man sich sogleich an jene Silvesterpremiere von 1997 erinnert, wo er mit Beauty retire die Story des Butlers aus Dinner for one mit seinem "same procedure as last year" paraphrasierte. Zum Ende stand dort die Resignation, und auch in Actus tragicus nun ist das Motiv der Vergeblichkeit allgegenwärtig. Da hat sich selbst der Totentanz, an den der ganze Reigen in seiner absurden Komik nicht zufällig erinnert, erschöpft. Der Tod, der sich im Haus herumtreibt, ist ein maskierter Zuschauer, der scheinbar nichts erreicht – die Menschheit hat sich zum Schluss vielmehr wie von selbst verdrückt, sich aufgelöst ins Unauffindbare.

Kulturkritik

Man kann das alles selbstverständlich sehen und hören als einen Versuch, Bach für das Ende des 20. Jahrhunderts zu aktualisieren. Man kann es aber auch erleben als einen philosophisch-theatralischen Traktat über Ästhetik, über unsere Wahrnehmungsmuster, unsere Bilder. Über der zentralen Nische in Wernickes Bühnenbild, in deren Untergrund ein toter Christus à la Holbein liegt, spielt eine Figur ihr eigenes, absonderliches Spiel: Immer wieder entfernt sie jenes Gemälde, das dort an prominenter Stelle hängt, und ersetzt es durch ein anderes – nicht ohne es zuvor lange, nachdenklich betrachtet zu haben. Vergeblichkeit auch all unserer Versuche, mit Bildern tiefer in die Welt einzudringen: Zum Schluss hängt, wenn nicht alles täuscht, wieder die Ansicht des Anfangs an der Wand. Auch dazu gibt es einen – medialen – Kontrapunkt. Nicht weit von der Christbaumszene ist eine andere zu sehen: ein Paar, das dort seinen immerwährenden Fernsehabend verbringt. Was sie sich anschauen, bleibt uns verborgen, der Widerschein ihres Gerätes aber erweist sich durch alle Lichtwechsel der Bühne hindurch als flimmernde Konstante.
    Wernickes Kulturkritik lässt sich auf unsere Bach-Rezeption anwenden: Auch hier gibt es, trotz vielerlei Bewegung, Rituale. Und auch da ist eine fundamentale Skepsis gegenüber allen Bildern angezeigt. Dass allen derartigen Bedenken gegenüber Bachs Musik ihre Lebendigkeit beweist, gehört zu den Wundern der Basler Aufführung. Als eine Art Engführung im Kontrapunkt der Bilder und Töne lässt nämlich Wernicke die Figuren seines Panoptikums zugleich Sängerinnen und Sänger von Bachs Partituren sein. Was sie dabei leisten, von dem als Transvestit Hemden bügelnden Altus Kai Wessel und dem als Sehbehinderter treppauf, treppab irrenden Bassisten Lynton Black – um nur diese zwei zu nennen – bis hin zu all den Choristinnen und Choristen, ist ungewöhnlich. Das musikalische Resultat der Aufführung hat zwangsläufig nicht die Perfektion, nicht die Homogenität einer konzertanten Wiedergabe. Doch gemeinsam mit dem Sinfonieorchester Basel bringen Chor und Solisten unter der Leitung von Michael Hofstetter Bachs Musik zu eindringlicher Präsenz.

© 2000 Konrad Rudolf Lienert

Actus tragicus ist in Basel noch bis zum 28. Februar zu sehen. Weitere Informationen unter www.theater-basel.ch

erstellt: 06.01.2001

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