Die Wittener Tage für neue Kammermusik 2000
Ein Bericht von Stefan Drees

Die diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik (5.-7. 5.) waren von einigen auffälligen Tendenzen geprägt. Während das Festival in den vergangenen Jahren durch vereinzelte Ermüdungserscheinungen und wenig innovative Präsentationen gekennzeichnet war, überraschte es diesmal mit einigen außergewöhnlichen Beiträgen.

Auffällige Tendenzen zeichneten sich bereits in der Wahl der drei Programmschwerpunkte Kammermusik, Vokalmusik und Live-Elektronik ab: Nach den quasi orchestralen Dimensionen der vergangenen Jahre signalisierte die Besinnung auf das Prinzip Kammermusik eine Rückkehr zur eigentlichen Thematik der Veranstaltung. So standen zumeist Aufführungen im Mittelpunkt, die ohne koordinierenden Dirigenten auskamen, wobei man auf bewährte Interpreten wie das Arditti String Quartet, das ensemble recherche und das Ictus Ensemble zurückgriff.
    Im Programmschwerpunkt Kammermusik war zweifellos die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Streichquartett Six Covered Settings das herausragende Ereignis. Das konzentriert gearbeitete Werk, dessen satztechnische Faktur Kalitzkes kompositorisches Können eindrucksvoll unter Beweis stellte, zeichnete sich durch vielfältige Klangformen aus. Angesiedelt zwischen fahler Schattenhaftigkeit und scharfen Ausbrüchen wurden diese zu einem abgerundeten Gebilde voller verschleierter Anspielungen geformt. Demgegenüber erwies sich etwa Günter Steinkes Streichquartett Vereinzelt, gebannt - eine Wegbeschreibung als wenig aussagekräftig: Das nervös wuchernde Stimmengeflecht wirkte allzu sehr zerfasert und barg keinerlei Überraschungen für den Hörer.
    Packend und aus einem Guss präsentierte sich allerdings das kurze Streichtrio Non nunquam der Norwegerin Cecilie Ore: die ständig gleitenden Klänge, die trotz ihrer permanenten Bewegung durch scharfe Akzentuierungen Kontur gewannen, wurden vom trio recherche präzise umgesetzt. In der erweiterten und längeren Fassung Nunquam Non für Streich- und Bläsertrio verlor dieses Modell leider ein wenig an Überzeugungskraft.
    Auch die einzige großbesetzte Komposition des Festivals, Misato Mochizukis Chimera für Kammerensemble, vom Ictus Ensemble mitreißend interpretiert, war ein Glanzpunkt des Festivals. Die begrenzt lebensfähige Vermischung verschiedener Lebensformen, in der Biologie als "Chimäre" bezeichnet, spielte sich musikalisch als gekonnt inszenierte Vermischung verschiedener stilistischer Ebenen ab, deren kurzes Leben durch eine pointiertenreiche Musiksprache charakterisiert war. Hierbei beeindruckte insbesondere Mochizukis meisterhafte Behandlung instrumentaler Klangfarben.
    Ein zweiter Schwerpunkt der Wittener Tage für neue Kammermusik war der Aspekt "Vokalität". Ihm waren nicht nur zwei Veranstaltungen mit dem Titel "Lautpoeten" gewidmet, in denen der niederländische Stimmkünstler Jaap Blonk mit phänomenalem Gespür für Klangwirkungen Lautgedichte verschiedenster Autoren und Komponisten vortrug. Auch zahlreiche Werke für Vokalensemble, beinahe ausschließlich von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart interpretiert, standen auf dem Programm. Hierzu gehörte etwa die fünfstimmige Komposition nein allein von Carola Bauckholdt: In ihr bildeten alltägliche Äußerungen von Zustimmung und Ablehnung mit ihrem jeweils charakteristischen Tonfall den Ausgangspunkt für eine Studie über Kommunikationsformen. Nach dem sehr gut gelungenen Übergang vom Sprechen zum Singen wurde die Rückkehr zum anfänglichen Sprechen am Ende des Stückes jedoch zur aufgesetzten Geste, die der Komposition einen guten Teil ihrer Wirkung raubte.
    An Salvatore Sciarrinos dreiteiligem Vokalzyklus Tre canti senza pietre für sieben Stimmen beeindruckte vor allem die Behandlung der Singstimmen: mittels sensibel gesetzter Klangtupfer und verschnörkelter Floskeln, aber auch durch Klangfarbeneffekte wie das Singen durch ein Taschentuch entstanden hier leise flimmernde Gebilde von teils großer Eindringlichkeit. Eine echte Überraschung bot die Italienerin Lucia Ronchetti, die mit Anatra al sal eine reizvolle Hommage an die italienische Madrigalkomödie des 16. Jahrhunderts lieferte und damit bewies, wie intelligent man sich kompositorisch mit Tradition auseinandersetzen kann. Aus dem Geist der Renaissance-Vorbilder entwickelte sie ein Vokalstück in gleichermaßen ausdrucksstarkem wie humorvollem Duktus, in dem sie die Stimmen auf ausgesprochen lyrische Weise einsetzte, ohne dabei auf zeitgenössische Ausdrucksmittel zu verzichten.
    Der dritte Schwerpunkt des Festivals bestand in der Erweiterung von kammermusikalischem Musizieren durch Live-Elektronik, also durch die Möglichkeit der elektronischen Veränderung von Klängen während der Aufführung. Bei den entsprechenden Werken stand auf jeweils unterschiedliche Weise die perspektivische Erweiterung des Instrumentalklangs und die Integration der elektronisch erzeugten Ebenen im Mittelpunkt der kompositorischen Auseinandersetzung. Mit ihrem Stück spectres-spéculaires für Violine und Live-Elektronik präsentierte die Koreanerin Unsuk Chin eine zwar in Ansätzen interessante, in den Details jedoch höchst unbefriedigende Komposition. Die live-elektronischen Möglichkeiten neigten hier zur Verselbständigung, wodurch das Stück zu einer etüdenhaften Ansammlung von Effekten wurde.
    Auch Kilian Schwoons Komposition Broken Consort für Ensemble und Live-Elektronik vermochte nicht zu überzeugen: Schwoons Strategie, die relativ durchsichtigen Instrumentalakkorde mit Syntheziserklängen zu überlagern und so zu kompakten Tongemischen anzureichern, die sich am Klang frühbarocker Gambenconsorts orientierten, erwies sich in der Praxis als wenig tragfähig. Eine ganz andere, durch Einflüsse der Improvisation geprägte Art des Umgangs mit Elektronik demonstrierte dagegen die österreichische Gruppe Polwechsel in ihrem Stück The Poetry of Solitude: Hier wurden durch äußerst sparsame instrumentale und vielfältige elektronische Mittel wie Rückkopplungseffekte und Übersteuerung mikrotonale Überlagerungen erzeugt, aus denen sich ein ereignisreiches Zusammenwirken von Differenz- und Kombinationstönen ergab.
    Zwei Komponisten blieb es vorbehalten, die thematischen Schwerpunkte des Festivals in der Konzeption jeweils eines szenischen Werkes zu bündeln. Das Stück Endspiel: Ouvertüre für Solostimmen, Kommentator und Figuranten der Argentinierin Silvia Fómina konnte trotz seiner spannenden szenischen Komponenten, bei der sich die Sänger den Regeln des Schachspiels entsprechend über ein auf den Boden projiziertes Spielfeld bewegten, nicht überzeugen. Fóminas Konzept krankte vor allem an einem Übergewicht pathetischer Theatralik; daneben wirkten aber auch die Verwendung räumlich angeordneter Lautsprecher, die Behandlung der Singstimmen sowie die Texturen des begleitenden Streichquartetts wie ein unzureichend kalkuliertes Miteinander allzu disparater Elemente, die sich zu keiner Gesamtwirkung zusammenschlossen.
    Ganz anders dagegen das einstündige Musiktheater Machinations des französischen Komponisten Georges Aperghis für Stimmen, Live-Elektronik und Videoprojektion, das in Koproduktion mit dem Institut IRCAM Paris realisiert wurde. Aperghis schuf hier ein geradezu visionäres Beispiel für die Verschränkung von Technik und Stimme: Die Klangsprache, die konsequent durch das Zusammenwirken von vokalen Ausdrucksmöglichkeiten und Elektronik geprägt war, fand in der Arbeit mit Videoschirmen ihre visuelle Entsprechung. Aus dem Zusammenwirken all dieser Komponenten entstand ein schlüssiges Ganzes, dessen innere Konsequenz ebenso wie die daraus erwachsende musikalisch-visuelle Einheit bewunderswert waren. Aperghis Komposition war ohne Zweifel der kompositorische wie konzeptionelle Höhepunkt der diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik. Möglicherweise tat sich mit ihr ein Blick in die Zukunft des zeitgenössischen Musiktheaters auf.
    Wie in den vergangenen Jahren, so wurde das reichhaltige Programmspektrum des Festivals auch diesmal durch Klanginstallationen ergänzt. Hier verdienen insbesondere die Arbeiten von Andreas Oldörp und Christina Kubisch Erwähnung. Für sein Wittener Aggregat setzte Oldörp fünf zwischen sechs und neun Meter hohe Klangquellen in den Park von Haus Witten. Nach dem Prinzip der Orgelpfeife mit Luft versorgt, bildeten die Klänge dieser Metallröhren einen interessanten Kontrapunkt zu den Geräuschen der Umwelt. Demgegenüber bezog sich Christina Kubisch in ihrer Arbeit The Mystery of History auf das auffällige Spannungsverhältnis, das zwischen dem restaurierten Bauensemble Haus Witten und dem hektischen Lärm von Straßenverkehr und Bahnlinie besteht. Mithilfe eines magnetischen Induktionssystems "vertonte" sie bestimmte Teile des historischen Gebäudes und wies ihnen so Geräusche zu, die an ihre ursprüngliche Funktion erinnerten: Wasser, Vögel, Pferdehufe, Kettenrasseln, Türenknarren. Die Besucher konnten diese imaginäre Klangwelt durch einen Kopfhörer wahrnehmen und durch ihre Bewegungen frei gestalten.

© 2000 by Stefan Drees

Polemik zum Artikel von Stefan Drees aus dem Musikwissenschaftler-Newsletter "Muwi-Spektrum"