Beethoven und Schönberg:

5. Neunte Sinfonie – Kammersinfonie

 

James Levine:  Ein Gedanke bei der Programmgestaltung unseres Zyklus war, die Beziehung zwischen den beiden Komponisten sowohl durch Ähnlichkeiten als auch Unterschiede aufzuzeigen. Das Programm etwa mit Beethovens neunter Sinfonie und Schönbergs erster Kammersinfonie vereint zwei bahnbrechende Werke der sinfonischen Gattung. Allein schon die revolutionäre Innovation des Finales der Neunten, mit Chor und Sängern: Beethovens verzweifelter Versuch, aus der Sprachlosigkeit reiner Instrumentalmusik auszubrechen, mit dem Hörer direkt zu kommunizieren. Und das mit einem ungeheuren Aufgebot an Musikern: Ein Riesenorchester, Chor und Solisten. Unwillkürlich denkt man an Mahlers Achte, die "Sinfonie der Tausend". Das hat es vorher nicht gegeben: Ein sinfonischer Satz, der die heterogensten Elemente klassischer und vorklassischer Herkunft – instrumentales und gesungenes Rezitativ, Gesangssoli und Ensembles, Fugato, Marsch und Variationen – zu einem einzigen Riesenorganismus verklammert, der jeder Konvention spottet.

Walter Levin:  Dieser überbordenden Expansivität ist Schönbergs Kammersinfonie von 1906 diametral entgegengesetzt. Sie geht auf die Idee der einsätzigen Tondichtung zurück, wie sie von Liszt und Strauss entwickelt worden ist. Schon in früheren Werken hatte Schönberg mit der durchkomponierten Form gearbeitet: in der "Verklärten Nacht" etwa, in "Pelleas und Melisande" und im ersten Streichquartett. Aber in der Kammersinfonie sind Mittel und Form aufs Äußerste komprimiert. Das ganze Stück ist kürzer als allein der Schlusssatz der Neunten, die Besetzung auf nur 15 Soloinstrumente reduziert, die traditionelle Mehrsätzigkeit der Sinfonie in einer einzigen fortlaufenden Struktur aufgehoben. Die aber erfüllt hier eine doppelte Funktion. Einerseits enthält sie die vier Sätze der klassischen Sinfonie: langsame Einleitung wie bei Haydn, dann Allegro – Scherzo/Trio – Andante – Finale und Coda. Andererseits kann man diese selbstständigen Sätze aber auch als die Abschnitte eines einzigen großen Sonatensatzes verstehen: Exposition (Allegro) – Durchführung (Scherzo plus Andante) – Reprise (Finale plus Coda). Die Beschränkung auf einheitliches thematisches Material macht diese Ineinssetzung möglich und führt zu einer ungeheuer dichten Textur – fast jeder Ton des Stücks ist thematisch.

James Levine:  Die Idee – kammermusikalische Beschränkung gepaart mit sinfonischem Gehalt – teilt sich schon im Titel mit. Ein Werk, das auch nach fast hundert Jahren noch provozierend neu und jung klingt! Beide Stücke, Beethovens Neunte und Schönbergs Kammersinfonie, so grundsätzlich verschieden sie auch sein mögen, sind Werke von einzigartiger Fantasie und Erfindungskraft.

 

6. Violinkonzerte und Klavierkonzerte
Beethoven und Schönberg: Inhaltsverzeichnis

 

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