Beethoven und Schönberg:

6. Violinkonzerte und Klavierkonzerte

 

Walter Levin: Auch die beiden Violinkonzerte, die zusammen an einem Abend erklingen werden, sind Stücke, die am Anfang für die Interpreten fast unüberwindliche Probleme aufwarfen. Wie ist es dir gelungen, beide Werke auf das Programm zu setzen? Beethoven wollen ja alle spielen, aber Schönberg?

James Levine:  Das kam dank Christian Tetzlaff zustande. Ich habe von einem Interview gehört, in dem er sagte, das Interessanteste in der nächsten Zukunft sei für ihn, dass er die Konzerte von Beethoven und Schönberg zusammen spielen könne. Ich freute mich, dass auch er diese Idee stimulierend fand.

Walter Levin: Blickt man in die Geschichte zurück, so wurden viele Violinkonzerte zunächst als unspielbar zurückgewiesen. Zum Beispiel das von Tschaikowsky - heute spielt es fast jeder Musikhochschüler. Schönberg selbst meinte, für seines brauche man eine linke Hand mit sechs Fingern. Das Violinkonzert von Beethoven galt zwar nicht als unspielbar, aber ich frage mich trotzdem, wie es bei der Uraufführung wohl geklungen hat. Beethoven war erst im letzten Moment damit fertig geworden, und der Geiger Franz Clement musste es praktisch vom Blatt spielen. Es ist weit entfernt von allem, was bis dahin als Violinkonzert bezeichnet wurde - eher eine Sinfonie mit Sologeige, in der zwei Protagonisten, nämlich das Orchester und der Solist, völlig gleichwertig sind. Manchmal ist die Geige dem Orchester auch untergeordnet. Aber bis heute hat es nur wenige Geiger gegeben, die diese Konstellation richtig verstanden haben. Meist spielt die Violine von Anfang bis Ende die alleinige Hauptrolle.

James Levine:  Bis in die hintersten Sechzehntel-Begleitfiguren hinein.

Walter Levin: Häufig umspielt das Soloinstrument nur das Hauptmaterial, das vom Orchester exponiert wird. Bei vielen Interpretationen hört man aber nur den Solisten mit seinen begleitenden Arpeggien im Vordergrund: Dadurch wird der formale Zusammenhang des Stücks unverständlich. Auf diese Weise mag es in den Violinkonzerten der minderen Komponisten zugehen, aber nicht bei Beethoven. Das Neue in seinem Konzert ist gerade die sinfonische Gleichberechtigung der Partner. Und dann ein Stück wie der langsame Satz: Er ist angelegt wie eine Kadenz, eine ausgeschriebene Improvisation.

James Levine:  Das historische Vorbild ist wohl das dritte Brandenburgische Konzert mit den beiden Kadenzakkorden in der Mitte, die eine Basis für eine überleitende Improvisation bilden.

Walter Levin: Beethovens langsamer Satz ist angelegt wie eine freie Fantasie. Hätte er das auf dem Klavier gespielt, hätte er sicher improvisiert. Tatsächlich hat er ja das ganze Stück auch zu einem Klavierkonzert umgearbeitet.

James Levine:  Es gibt noch einen anderen langsamen Satz dieser Art, den des vierten Klavierkonzerts in G-dur. Er hat ungefähr dieselbe Länge und besitzt ebenfalls den Charakter einer Überleitung, aber anders als der langsame Satz im Violinkonzert ist er dramatisch-dialektisch angelegt.

Walter Levin: Beethovens Idee ist die einer dramatischen Szene in der Art einer Opern- oder Gesangszene. Von Louis Spohr gibt es ein Violinkonzert "in Form einer Gesangsszene". Aber das war nach Beethoven. Und es ist etwas, das wir bis zum heutigen Tag nur sehr selten in der Konzertliteratur finden.

James Levine:  Christian Tetzlaff wird die Violinkonzerte von Beethoven und Schönberg an einem Abend spielen. Ich hoffe, dass durch die unmittelbare Nachbarschaft einem klar wird, dass sie ein und derselben großen Entwicklungslinie unserer Musik angehören. Solche Gegenüberstellungen waren früher nicht möglich, weil es praktisch keine Geiger gab, die beide Konzerte beherrschten, nicht einmal in der Generation von Isaac Stern. Eine analoge Kombination machen wir bei den Klavierkonzerten: Daniel Barenboim wird das vierte von Beethoven und dasjenige von Schönberg an einem Abend spielen. Wir haben das vierte in G-dur ausgesucht, wegen seines ungewöhnlichen Anfangs mit dem Klaviersolo und weil es von der Instrumentierung her viel Neues bringt. Beethoven hat dazu mehrere Kadenzen geschrieben, die zeigen, wie sehr er im Rahmen des Klavierkonzerts zu experimentieren bereit war.

Walter Levin: Was die ungewöhnliche Verwendung des Klaviers angeht, so gibt es bei ihm noch andere Stücke, in denen er sich fast als Improvisator erweist, zum Beispiel die Chorfantasie op. 80.

James Levine:  Das einzige Stück von Beethoven, vor dem ich mich gerne drücke. Mit dem Hauptthema im letzten Teil kann ich einfach nicht viel anfangen. Da kommt mir immer Strawinskys Kritik am Thema des letzten Satzes der Neunten in den Sinn. Nur: dort funktioniert dieses Thema noch, wenn es auch gerade an der Grenze ist.

Walter Levin: Die Chorfantasie ist problematisch, das gebe ich zu. Beethoven selbst wusste es sicher auch. Doch er wollte hier vermutlich etwas Neues ausprobieren. Es ist eine Art Vorstudie zur neunten Sinfonie: Orchester, Chor, Soloklavier – eine abenteuerliche Kombination!

James Levine:  Einerseits unkompliziert genug, die Leute mitzureißen, aber gleichzeitig verwirrend und überraschend.

Walter Levin: Solche Einfälle hat Beethoven immer wieder gehabt, sogar in den weltabgewandtesten Stücken. Plötzlich streckt er uns seine Hand entgegen, als ob er den Kontakt zum Publikum nicht verlieren möchte. Wenn er sich so weit vom allgemeinen musikalischen Bewusstsein entfernt hat, dass er fürchten muss, es folge ihm niemand mehr, kommt dann dieser Punkt der unvermittelten Hinwendung zum Hörer. Etwa in der Neunten, wo der Gesang hinzutritt. Oder in den letzten Quartetten tauchen plötzlich Potpourris von Kinderliedern auf. Im Streichquartett cis-moll op. 131 gibt es mitten im größten Ernst diese kleinen witzigen Einsprengsel.

James Levine:  Beethoven in der Manier der Commedia dell'Arte!

Walter Levin: Noch eine Bemerkung zur Uraufführung der beiden Konzerte von Schönberg in den vierziger Jahren. Zu der Zeit gab es in Amerika einen Dirigenten, der in Europa bis heute in einem eher zwiespältigen Ruf steht, nämlich Leopold Stokowski. Aber was Stokowski in Amerika für die zeitgenössische Musik geleistet hat, ist einfach unglaublich. Er hat zum Beispiel 1940 das Violinkonzert und 1944 das Klavierkonzert von Schönberg uraufgeführt. Und er war es auch, der nicht nur die „Gurrelieder“ und Bergs "Wozzeck" zum ersten Mal in Amerika dirigierte sondern auch „Le sacre du Printemps“, Mahlers Achte und Vareses „Arcana“..

James Levine:  Es gab in Amerika das bösartige Gerücht, Leopold Stokowski könne keine Partituren lesen, was natürlich nicht stimmte. Er hatte viele Feinde. Das NBC Symphony Orchester, mit dem er und der Pianist Eduard Steuermann Schönbergs Klavierkonzert uraufführten, hat ihn, aus welchen Gründen auch immer, danach nicht wieder unter Vertrag genommen. Doch das Philadelphia Orchestra, dessen Chefdirigent er ein Vierteljahrhundert lang war, wurde durch ihn ein Weltklasseorchester.

 

7. Bühnenwerke: Fidelio und Moses und Aron
Beethoven und Schönberg: Inhaltsverzeichnis

 

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