Beethoven und Schönberg:

8. Verschlungene Wege der Tradition

 

Walter Levin:  In Amerika ist eben vieles anders gelaufen als in Europa. Zunächst war die europäische Tradition in Amerika natürlich sehr präsent, weil alle großen Orchester von europäischen Dirigenten geleitet wurden. Es hat lange gedauert, bis der erste Amerikaner Leiter eines großen amerikanischen Sinfonieorchesters wurde. Das war Mitte des 19. Jahrhunderts Theodore Thomas in Cincinnati und Chicago, und erst hundert Jahre später Leonard Bernstein.

James Levine:  Bis heute ist das eher die Ausnahme.

Walter Levin:  An der Metropolitan Opera waren in der Spielzeit 1908/09 zwei Dirigenten Seite an Seite beschäftigt, von denen einer für das italienische und einer für das deutsche Repertoire zuständig war: Arturo Toscanini und Gustav Mahler. Wenn das keine europäische Tradition ist! Der hohe Standard der amerikanischen Orchestertradition beruht nicht zuletzt darauf, dass in ihnen schon Ende des 19. Jahrhunderts viele exzellente Musiker saßen, die aus Europa engagiert worden waren. Als Toscanini Mitte der zwanziger Jahren mit dem New York Philharmonic Orchestra eine Europa-Tournee machte, waren alle überrascht von der phänomenalen Virtuosität des Orchesters.

James Levine:  Und zwar in jeder Hinsicht. Balance, Intonation, Technik und joie de vivre.

Walter Levin:  Viel echte europäische Tradition ist durch den Faschismus und die Nazis nach Amerika vertrieben worden. Die Folgen waren noch lange nach dem Krieg spürbar. Als die Wiener Festwochen 1969 eine Gesamtaufführung der Streichquartette von Schönberg, Berg und Webern planten, also genau jener Werke, die den neuralgischen Schnittpunkt der Wende tonal/atonal definieren – sie galten ja in der Nazizeit als "entartet" – stellte sich heraus, dass in Europa keine einzige Streichquartettvereinigung diese Werke im Repertoire hatte. Wohlgemerkt: 1969 - also über ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung und vierundzwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Man holte das LaSalle Quartett aus Cincinnati für diesen Zyklus nach Wien - damals in den sechziger Jahren auch in Amerika das einzige Quartett, welches dieses Repertoire regelmäßig aufführte. Verkehrte Welt: Man musste die Interpreten aus Amerika holen, um in Wien die Werke der Zweiten Wiener Schule zu spielen - von Wiener Komponisten in Wien komponiert! Und ein junges Wiener Streichquartett entschloss sich daraufhin, nach Cincinnati zu pilgern, um diese Wiener Werke in Amerika mit dem LaSalle Quartett zu studieren: das Alban Berg Quartett. Seine Mitglieder wurden damals von den Wiener Kollegen gefragt: Was, Ihr geht in den Wilden Westen, um dort Wiener Musik zu studieren?

James Levine:  In Amerika wird die Musik ganz anders wahrgenommen als in Europa, und das Musikleben ist anders strukturiert. Die Musikschulen und Universitäten spielen eine wichtige Rolle.

Walter Levin:  Als junges Quartett kamen wir auf einer Tournee eines Tages nach Albuquerque in New Mexico. Wir wurden privat untergebracht, mein Gastgeber hieß Kurt Frederick. Ich hatte zuvor noch nie von ihm gehört. Wir aßen zusammen zu Abend und ich bemerkte, dass er einen leichten Wiener Akzent hatte. Es stellte sich heraus, dass er Dirigent war und an der Universität in Albuquerque unterrichtete. Er erzählte, er habe hier in Albuquerque ein Orchester, das zur Hälfte aus Profimusikern und zur Hälfte aus Studenten bestehe, und dazu einen Amateurchor. "Zusammen haben wir schon einige interessante Sachen gemacht, sogar eine Uraufführung von Arnold Schönberg. Wir haben ihn gebeten, ein Stück für uns zu schreiben, was er auch getan hat. Das Stück heißt 'Ein Überlebender aus Warschau'." Da muss ich ziemlich verdutzt dreingeschaut haben. Es stellte sich heraus, dass Kurt Frederick früher als Bratscher im Kolisch Quartett gespielt hatte. Schönberg hat dieses Stück also für Laienmusiker komponiert und einen Musiker, der seiner Sache treu ergeben war. Nicht für einen großen Star. Und in Albuquerque, im "Wilden Westen", wurde es uraufgeführt!

James Levine:  Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo es nicht diese strenge Trennung von "unterer" und "oberer" Musiksphäre gibt wie in Europa. Jascha Heifetz hat Melodien von Gershwin bearbeitet und Caruso hat in Freilicht-Konzerten populäre Musik gesungen. Ich wurde einmal vor einer Open-Air-Aufführung bei der Pressekonferenz gefragt: "Meinen Sie nicht, dass die Oper ruiniert wird, wenn Sie sie im Freien aufführen?" Ich antwortete: "Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein." Draußen in der Natur, wenn das Wetter gut ist und die Akustik stimmt, kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen und sich wirklich der Musik hingeben. Als junger Musiker habe ich einmal "Rigoletto" im Freien dirigiert, und der Mond kam heraus, während Roberta Peters sang. Daran kann ich mich heute noch erinnern. Warum manche Leute Angst haben vor so etwas, verstehe ich nicht.

Walter Levin:  Das ist, glaube ich, ein grundlegender Unterschied zwischen Amerika und Europa. Ich habe in Amerika gelebt und gelernt. Aber aufgewachsen bin ich mit der mitteleuropäischen Tradition, wo mir beigebracht wurde, dass es eine Hierarchie gibt, dass die sogenannte U-Musik und E-Musik strikt zu trennen sind und nie miteinander in Berührung kommen dürfen.

James Levine:  In Österreich gibt es doch eine wundervolle Operettentradition. Wie kommt es, dass Gleichwertiges nicht als solches anerkannt wird? Eines der größten Meisterwerke ist doch nach wie vor die "Fledermaus". Was diese Trennung der Bereiche angeht, so ist man in Amerika sehr viel unkomplizierter.

 

9. Tempofragen
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