Beethoven und Schönberg:

10. Bearbeitungen

 

Walter Levin:  Schönberg hatte wie alle anderen großen Komponisten sehr viel Hochachtung vor jedem erstklassigen Komponisten, ganz egal, in welchem Genre er tätig war und welchen Stil er schrieb. Er selbst hat seinen Schülern nie etwas anderes beigebracht als klassische und traditionelle Analyse, Kontrapunkt und Harmonie. Moderne Musik, ob solche aus der sogenannt atonalen Periode oder zwölftönige, hat er nie unterrichtet. Für Schönberg war Musik Musik, unabhängig vom Stil. Der war für ihn zweitrangig. Auf den Inhalt der Musik, ihren inneren Charakter, darauf kam es ihm an.

James Levine:  Und das ist immer dasselbe, egal, ob man nun einen Walzer schreibt oder populäre Musik oder eine "Rhapsody in Blue". Schönbergs Brettl-Lieder sind hervorragende Musik! Ein Komponist wie Friedrich Hollaender, der Lieder für Marlene Dietrich schrieb, die Leute aus Hollywood, die brillanten Instrumentalisten und Arrangeure aus den Studios: sie alle kamen, um bei Schönberg zu lernen, und vor allen hatte er große Achtung. Und alle achteten ihn. Sie hatten einen gemeinsamen Grundgedanken, ihre Arbeit erstklassig, konsequent und ohne Kompromiss zu tun. Es ist zu jeder Zeit eine Menge schlechter und oberflächlicher Musik geschrieben worden. Gute Komponisten aber erkennen einander, egal, in welchem Genre sie tätig sind.

Walter Levin:  Schönberg war mit Gershwin befreundet und hat ihn sehr verehrt. Es spielte für ihn keine Rolle, dass er ganz anders schrieb. Schönberg bewunderte Strauss, den Walzerkönig, und hat Walzer von ihm arrangiert. Er gehörte zu den Komponisten, die über solche Grenzen hinwegsehen können. Ähnlich übrigens Strawinsky, der Antipode der Zwölftonmusik zu Lebzeiten Schönbergs: Nach Schönbergs Tod fing er an, selber Zwölftonmusik zu schreiben. Schönberg selbst hat schon in Wien mit seinen Schülern die Praxis gepflegt, bedeutende Werke der Musikliteratur umzuinstrumentieren. Orchesterwerke wurden für kleinere Besetzungen arrangiert und damit im kleinen Kreis aufführbar gemacht. Später in Los Angeles nahm er das Klavierquartett g-moll von Brahms und instrumentierte es für großes Orchester.

James Levine:  Ein fabelhaftes Stück. Aber die Veranstalter scheuen sich, es ins Programm aufzunehmen. Und nicht nur das. Wenn du es einem Orchester vorlegst, und die Musiker kennen es noch nicht, dann sehen sie sich nach zehn Minuten mit langen Gesichtern an. Am liebsten würde ich sie fragen: Was ist los? Wollt ihr lieber die Quartettversion spielen? Dann spielt sie doch! So hat Schönberg die Sache auch gesehen. Er liebte dieses Klavierquartett. Einem Miesepeter, der ihn fragte, warum er denn nur um Gottes Willen diese Instrumentierung gemacht habe, antwortete er, er habe das Stück immer ganz wunderbar gefunden, aber nie eine gute Aufführung davon gehört...

Walter Levin:  ... und wolle einmal alles hören können, was in ihm stecke, und es herausarbeiten. Gibt es einen besseren Grund, ein Werk zu bearbeiten?

James Levine:  Das war ja schon von jeher üblich. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven – sie alle haben Bearbeitungen gemacht, von eigenen und von fremden Kompositionen.

Walter Levin:  Auch Schönberg, Berg und die ganze Wiener Schule - sie haben jedes Stück, das sie kennen lernen wollten, so arrangiert, dass sie es mit einem kleinen Ensemble spielen konnten.

James Levine:  An der Juilliard School spielte ich Klaviermusik vierhändig mit einem meiner Studienkollegen. Wir spielten Brahms, Haydn, auch die Duos von Schubert und Sonaten von Mozart. Aber Höhepunkt war für uns die Bearbeitung von Schönbergs Orchesterstücken op. 16, die Webern für zwei Klaviere machte. Wir spielten das in jedem Konzert.

Walter Levin:  Für junge Profimusiker ist das eine wunderbare Art und Weise, sich frühzeitig mit Stücken vertraut zu machen, die sie später als Dirigent aufführen werden. Bearbeitungen und Klavierauszüge sind ideale Hilfsmittel, möglichst viel Literatur kennen zu lernen, indem man sie selber auf dem Klavier spielt. Leider ist das Vierhändigspielen inzwischen aus der Mode gekommen. Ein CD-Spieler ist kein Ersatz dafür.

 

11. Lehrer und Schüler
Beethoven und Schönberg: Inhaltsverzeichnis

 

Themen Inhalt

 

Home