Die Beggar's Opera von John Gay als GanovenfilmDer Rocksänger Roger Daltrey in der Rolle des Macheath
Eine Verfilmung dieser "ballad opera", produziert 1983 von der BBC, ist nun auf DVD erschienen. Jonathan Miller inszeniert, John Eliot Gardiner dirigiert die English Baroque Soloists, die Sprechrollen haben hervorragende Charakterdarsteller übernommen. Das sind hochkarätige Personalien für ein Stück, das im Milieu des Lumpenproletariats spielt und dessen Tonfall virtuos adaptiert. Ein besonderer Kunstgriff ist die Besetzung des Ganovenhäuptlings Macheath mit Roger Daltrey, dem Sänger der britischen Rockband The Who. Die unbeteiligte Kälte seines Vortrags passt nicht nur perfekt zu seiner Rolle, sondern situiert das Stück auch genau in jener zwielichtigen Sphäre zwischen Popular- und Hochkultur, wo es hingehört. Sogenannte moralties hat die puritanische englische Kultur viele hervorgebracht, und nicht immer ist erkennbar, wo die Anprangerung des sündigen Lebens in Faszination vor dem Verruchten umschlägt. Auch die Produktion der Beggar's Opera wandelt auf diesem schmalen Grat. Das Verbrecher- und Hurenmilieu im London des frühen 18. Jahrhunderts wird in seiner historischen Kostümierung vorgeführt, mit einem genauen Blick für die sozialen und psychologischen Konstellationen der Figuren. Im Zeichen der kapitalistischen Geldmoral vollzieht sich eine Umwertung aller Werte: Liebe wird zu Sentimentalität, der Liebhaber zum Zuhälter, der Freund zum Verräter, der Verbrecher zum Mitleid erweckenden Opfer. Jeder ist des Nächsten Wolf. Ein Festival der Niedertracht und der gemeinen Gefühle, das in Millers Inszenierung mit distanzierter Ironie zur Wirkung gebracht wird. Auch wenn die Radikalität, mit der hier ein gesellschaftlicher Zerfall diagnostiziert wird, damals wie heute etwas übertrieben anmuten mag: So ganz unaktuell ist diese brillant inszenierte Kostümklamotte nicht. © Max Nyffeler 2005
(November 2005)
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