Alice in Wonderland als szenische WundertüteUnsuk Chin's Oper in der Inszenierung von Achim Freier
Was als Literatur der Fantasie unendlich viele Türen in andere Wirklichkeiten öffnet, gerinnt auf der Bühne zu einer Revue von verwirrendem Bilderreichtum, die ihre eigene Dynamik entfaltet und den Zuschauer auf eine zweistündige Geisterfahrt durch eine Panoptikum der entfesselten visuellen Fantasie mitnimmt. Zu sehen gibt es mehr als genug: Man delektiert sich an den einfallsreichen Kostümen und Masken von Nina Weitzner, die aus den Figuren wunderhübsche lebende Puppen machen, und bewundert die trickreich angelegte, perfekt ausgeleuchtete Kunstwelt, die der Regisseur und Bühnenbildner Achim Freier auf die Bühne gezaubert hat. Solche Voraussetzungen wären eigentlich wie geschaffen für eine filmische Umsetzung, doch leider wird daraus nur eine prall gefüllte musiktheatralische Wundertüte. Das liegt weniger an der Inszenierung als am Stück selbst; der dramaturgischen Entwurf kommt über eine episodische Aneinanderreihung starker Einzelmomente nicht hinaus. Verstärkt wird diese Tendenz durch die detailverliebte Bildregie von Ellen Fellmann, die den pittoresken Puppengestalten in Nahaufnahmen dicht auf den Leib rückt und mögliche szenische Zusammenhänge allzu häufig außer acht lässt - eine Zerstückelung, die sich mit Simultandarstellungen auf dem aufgeteilten Bildschirm fortsetzt. Auch der pausenlos munteren, gestisch aufgedrehten und polystilistisch angelegten Musik gelingt es nicht, einen roten Faden in diesen optischen Overkill einzuziehen. Zurück bleibt der Eindruck brillant ausgearbeiteter Situationen, die alle irgendwie interessant sind, aber kein Ganzes ergeben. Auf Dauer wirkt das eher ermüdend als anregend. © Max Nyffeler 2008
(9/2008)
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