Paul Hindemiths Cardillac: Der Künstler als Mörder
Der neusachliche Ton von Hindemiths Musik spiegelt sich in der Modernität der weiträumigen Art-Déco-Intérieurs von Nicky Rieti und den eleganten Kostümen von Chantal de la Coste Messelière. Die Geschichte vom finsteren Goldschmied, der die Käufer seiner Schmuckstücke ermordet, um wieder in deren Besitz zu gelangen, inszeniert André Engel mit der kühlen Präzision eines Filmregisseurs. Dabei kann er sich auf hervorragende Sängerdarsteller verlassen, allen voran Alan Held in der Titelrolle. An Hindemiths Musik, die die Handlung mehr kommentiert als expressiv ausdeutet, rückt Kent Nagano den kraftvollen rhythmisch-motorischen Impuls ins Zentrum. Der dicht gearbeitete Orchesterpart hat eine starke Tendenz zur eigengesetzlichen Entwicklung und kennt immer wieder fesselnde Momente. Ihm widmet Nagano besondere Aufmerksamkeit. In den großen Chorszenen im dritten Akt hapert es hingegen manchmal mit der Koordination zwischen Orchester und Bühne. Die Videoregie (Chloé Perlemutter) zeichnet sich durch eine spielerische Brechung der Realitätsebenen aus. Sie montiert die Bühnenaufnahmen zu einem kompakten, pausenlos durchgehenden Drama, indem die teilweise aufwendigen Umbauten zwischen den Szenen von den Kameras backstage verfolgt und mit Aufnahmen aus dem Orchestergraben überblendet werden. Die musikalischen Zwischenspiele wirken dadurch wesentlich spannungsreicher als bei der Kameraperspektive aus dem Zuschauerraum auf den geschlossenen Vorhang oder auch nur auf die spielenden Musiker. Der Blick hinter die Kulissen wird noch einmal zum Schluss getan, wenn sich die Kamera unter die die Akteure mischt, die sich hinter dem Vorhang zur Entgegennahme des Beifalls vorbereiten eine kleine Live-Cam-Sequenz, die den Beobachter in eine fast intime Nähe zu den Künstlern bringt. Auch beim einstündigen Extra Feature, in dem sich das Inszenierungsteam und Intendant Gérard Mortier über die Produktion unterhalten, spielt die Regie mit den unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen: Die Teilnehmer der Runde sitzen in einem kleinen Kinosaal und kommentieren im lockeren Gespräch die einzelnen Szenen, die vor ihnen über die Leinwand und vor dem Betrachter über den Bildschirm gehen. Die Gefahr einer allzu penetranten Belehrung des Zuschauers wird dadurch elegant umschifft, er fühlt sich vielmehr in die Expertenrunde einbezogen. Alle diese Kunstgriffe der Videoregie dienen ausschließlich einem Zweck: Die Distanz des Betrachters zum Dargebotenen zu verringern und ihn vergessen zu machen, dass er nur vor dem Bildschirm und nicht im Theater sitzt. In der hoch professionellen Umsetzung für das Medium Video entwickelt diese Cardillac-Produktion tatsächlich einen ganz eigenen Reiz. © Max Nyffeler 2007
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