Die Lebenden und die Untoten: Die tote Stadt von Erich Wolfgang KorngoldEine Oper als Zeitdiagnose und Zeitdokument
Der Erfolg der Toten Stadt war einerseits der üppig aufblühenden Musik zu verdanken, einer glänzenden Mischung von Strauss’scher Orchesterkunst, melodischer Geschmeidigkeit à la Puccini und ein ganz klein wenig Operette. Andererseits traf das Werk, das auch dramaturgisch gekonnt gebaut ist, den Nerv der Zeit. Indem der unglückselige Paul, der sein ganzes Leben seiner verstorbenen Geliebtem gewidmet hat, sich am Schluss von seinem Totenkult lösen kann und Ja zum Leben sagt, wurde er zu einer Projektionsfigur für ein Publikum, das nach dem verheerenden Krieg auf einen gesellschaftlich-kulturellen Neuanfang hoffte. Der opernhafte Aufbruch geschah allerdings im Zeichen eines vergangenen Denkmusters im Sieg der diesseitigen Kunstreligion über christliche Leibfeindlichkeit und verweste wilhelminische Moralgrundsätze schimmert deutlich der späte Nietzsche durch. Obwohl das Werk einer vergangenen Zeitproblematik verhaftet ist, vermag es auch heute noch fesseln, zumal wenn es auf so überzeugende Weise auf die Bühne gebracht wird wie in der Produktion des Teatro La Fenice Venedig von 2009. Die Inszenierung von Pier Luigi Pizzi bündelt das Geschehen zu einer klar strukturierten, aber atmosphärisch dichten Bilderfolge, das aus wenigen Elementen gebaute Einheitsbühnenbild erweist sich in seiner Variabilität als äußerst praktikabel und filmgerecht. Unter der Leitung von Eliahu Inbal kommt auch musikalisch eine sehr ansprechende Aufführung zustande, und mit kleinen Abstrichen sind die Solisten ihrer schwierigen Aufgabe gut gewachsen. © Max Nyffeler 11/2011
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