Die einzigartige Yvonne Loriod
Yvonne Loriod, die vor einem Jahr starb, erscheint hier als hochsensible, geistig überaus bewegliche Musikerin, bei der sich Fachkompetenz und sprachliche Gewandtheit glücklich ergänzen. Die wortlose Kommunikation hat bei ihr dieselbe Intensität, etwa wenn ihr der junge Nicholas Angelich das schwierige Finale von Messiaens „Vingt regards sur l’Enfant-Jésus“ vorspielt; hier sitzt etwas seitlich auch der Komponist, der den Unterricht mit der Ruhe eines Buddhas verfolgt. Die Szene ist einmalig und illustriert besser als alle Beschreibungen das von intuitivem Verständnis geprägte Zusammenwirken dieser beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Loriod, die schon mit vierzehn Jahren alle Beethovensonaten spielte und über umfassende Repertoirekenntnis verfügte, erweist sich in ihrem Unterricht als geduldige und feinfühlige Pädagogin. Sie erklärt ihren Schülern, warum ein Pianist „alle drei Stile“ beherrschen muss: den alten von Bach, den klassischen und den modernen des 20. Jahrhunderts. Auch in den kurzen Ausschnitten, in denen sie sich selbst ans Klavier setzt und dem Schüler ihre Sicht auf die Werke demonstriert, teilen sich die Reinheit und Klarheit ihrer Gedanken unverstellt mit. © Max Nyffeler 9/2011
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