Revolutionärer MonteverdiDas Vierte Madrigalbuch in einer wagemutigen Verfilmung
Das englische Vokalensemble „I Fagiolini“, das sich in der Musik des ausgehenden 16. Jahrhunderts bestens auskennt, hat nun zusammen mit dem Regisseur John La Bourchadière das Wagnis unternommen, diese Klang- und Gefühlswelt auch szenisch darzustellen. Der Struktur des Madrigalbuchs entsprechend wird der Strom der Erzählung in einzelne Handlungsmomente aufgelöst, die bruchlos aufeinander folgen und sich gegenseitig durchdringen. Dabei wird äußere Dramatik vermieden. Das Drama spielt sich im Inneren der Figuren ab und teilt sich nur in den vokalen Äußerungen, in verhaltener Mimik und Gestik mit. Die Dialoge und Monologe werden in den heutigen Alltag verlegt: Szenen im großstädtischen Café, im Reihenhaus, auf der Straße. Die sechs Sängerinnen und Sänger werden durch stumme Schauspieler gedoubelt, so dass jede „Person“ doppelt in Erscheinung tritt. Dem zunächst befremdlich wirkenden, dichten Geflecht der durch die Musik gesteuerten emotionalen Interaktionen folgt man auf Dauer immer bereitwilliger. Dem Film gelingt der heikle Versuch, ein Stück großer Menschendarstellung aus einer vergangenen Epoche in unsere verarmte Gegenwart hinüberzuretten und das transzendente Moment von Liebe noch einmal gegen seine banale Reduktion auf pures Begehren zu verteidigen. © Max Nyffeler 2008
(Januar/2008)
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