Schostakowitschs Bolt: Gutes Kollektiv, böse IndividuenDas interessante, aber nicht unproblematische Remake eines Revolutionsballetts
Es geht um gute Komsomolzen, die für die proletarische Revolution schuften, und böse Säufer und Saboteure, die entlarvt und unschädlich gemacht werden: proletarisches Kollektiv gegen verrottete bürgerliche Individuen. Die sozialistische Idealwelt wird durch allerlei Profiteure und korrupte Figuren bereichert, denen die Autoren ihre ganze satirische Zuneigung schenken, was offenbar mit ein Grund dafür war, dass das Stück als „gesellschaftlich unbrauchbar“ abgesetzt wurde. Der Hauptgrund war aber zweifellos die an Konstruktivismus und Suprematismus ausgerichtete, avantgardistische Musik- und Bildsprache. Denn damit konnte das neue Arbeiterpublikum, das von der Partei ins Theater geschickt wurde, leider gar nichts anfangen der gerade entstehende sozialistische Realismus mit seinen heldischen Arbeiterposen und lichten Zukunftsperspektiven hatte da entschieden mehr Chancen. Das von der Geschichte überrollte und vergessene Werk wurde vor einem Jahr vom Bolschoi-Theater ausgegraben und ist in dieser Fassung nun auf DVD zu sehen und zu hören. Die Wiederbelebung ist nicht unproblematisch, aber in mehrfacher Hinsicht interessant. Am wenigsten Überraschung bietet Schostakowitschs Musik. Den brillanten, zwischen populären Effekten, Zynismus und Karikatur wechselnden Tonfall kennt man von andern Werken dieser Zeit. Keine einfache Aufgabe hatte hingegen der Choreograph Alexei Ratmansky. Er musste die veraltete Agitpropgeschichte für das heutige, postsowjetische Publikum aufbereiten. Die penetrante Schwarz-Weiß-Malerei setzte er zugunsten individueller Handlungsmomente in den Hintergrund, die Saboteure erhalten die Züge rebellischer, vom anonymen Kollektiv schikanierter Individualisten. Die Bilderbuchfigur des besoffenen Popen, den die Autoren als Widersacher des neuen sozialistischen Menschen vorführen, wurde gestrichen. Damit kommt diese Version zweifellos dem heutigen Bewusstsein entgegen, verliert aber auch ihren polemischen Sinn und damit ihren Biss. Auf tänzerisch mitreißende Weise und mit hoher Perfektion wird eine Geschichte erzählt, die irgendwo zwischen dem Gestern und Heute laviert und damit orientierungslos im luftleeren Raum hängt. Das gilt auch für das gekonnt historisierende Bühnenbild von Semyon Pastuch, das die bedrohliche Vision einer Roboterwelt aus der Zeit um 1930 entwirft. Die Distanzierung vom heroischen Sowjetkommunismus paart sich in diesem Remake auf paradoxe Weise mit ästhetischer Nostalgie. Aber anders lässt sich dieses Stück wohl kaum wiederbeleben. Ein Spiegelbild der heutigen Mentalitäten im Russland Putins, das mit einer Mischung von Faszination und Abscheu auf seine unbewältigte stalinistische Vergangenheit blickt? © Max Nyffeler 2007
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