Die Luftnummer: Stockhausens Helikopter-StreichquartettDVD-Dokumentation mit dem Arditti Quartett
Ein solches Mega-Spektakel, das nicht nur musikalische und technische Dimension, sondern auch unterschiedliche Räume und Zeiten auf einmalige Weise miteinander verknüpft und obendrein eine lange Vorbereitungszeit erfordert, ist wie geschaffen für eine Filmdokumentation. Der holländische Musikfilmautor Frank Scheffer wagte sich damals an das Projekt heran; seine Dokumentation, die nun auf DVD erschienen ist, entstand vor und während der Aufführung von 1995, die mit freundlicher Unterstützung der holländischen Luftwaffe und mit gewaltigem internationalem Medienecho vonstatten ging. Sie gibt Einblick in die Einstudierungsphase mit dem Arditti Quartett, in die Vorbereitungen vor Ort und die Realisierung selbst. Spannend wird es bei den Außenaufnahmen auf dem Flughafen, wenn die zuvor in Probenräumen einstudierte Musik an die Technik angedockt wird und „in die Luft geht“. Da ist aber schon ein längeres Stück Film vorbei. Der zähflüssige erste Teil dokumentiert auf wenig zwingende Art die musikalische Einstudierung. Die Probenarbeit wird immer wieder durch breit inszenierte Auftritte der Interpreten und irgendwelcher Besucher unterbrochen, die Dialoge und Kurzinterviews wirken gestellt und sind auch nicht sonderlich informativ. Arditti darf in die Kamera sagen, wie nützlich es ist, ein neues Stück in Zusammenarbeit mit dem Komponisten einzustudieren, und Stockhausen schildert seine alt bekannten Visionen vom Fliegen und vom Überschreiten menschlicher Grenzen mittels neuer Techniken. Wenn er schwärmt, wie wunderbar es klingt, wenn man die Rotorengeräusche einzeln aussteuern und mit der Musik mischen kann, so formuliert er diese Banalität mit der charakteristischen Mischung aus kindlich-naiver Begeisterung und aufdringlicher Suggestion, mit der er die Umwelt noch immer für seine Pläne, auch noch die irrwitzigsten, zu mobilisieren verstand. Immerhin kann man auch einige Male kurz auf die Partitur blicken, wenn er die großenteils aus glissandierenden Tremolofiguren bestehende Musik und ihre Notation erläutert. Über weite Strecken wird nur aus der beweglichen Handkamera gefilmt. Die unablässigen Schwenks mögen als Stilmittel gedacht sein, um den Gedanken des Fliegens und Gleitens auch in der Darstellungsform wirksam werden zu lassen; sie erschweren aber die konzentrierte Wahrnehmung und wirken auf Dauer ermüdend. Der Akt der „Aufführung“ selbst, in dem die verschiedenen Wirklichkeitsdimensionen ineinanderfließen, ist leider nur fragmentarisch dokumentiert. Damit wäre man aber dem Kern des Ganzen näher gekommen. Schon die paar Ausschnitte lassen das filmische Potenzial ahnen, das in den atemberaubenden Perspektivenwechseln zwischen den über Amsterdam kreisenden Helikoptern und dem Konzertsaal samt den daraus resultierenden optisch-akustischen Brechungen gesteckt hätte. In der kommentarlosen Darstellung dieser grenzwertigen Situation wäre die „Philosophie“ Stockhausens, nach der der Interviewer umsonst fragte, klarer in Erscheinung getreten als in all dem oberflächlichen Bild- und Wortgeplänkel darum herum. So bleibt der ungute Eindruck eines überambitionierten Unternehmens zurück, bei dem Aufwand und künstlerischer Ertrag in einem seltsamen Missverhältnis zueinander stehen. Eine editorische Unstimmigkeit ist noch festzuhalten: Das Begleitblatt gibt als Dauer einmal 77, einmal 113 Minuten an. Ist der integrale Mitschnitt der Uraufführung vielleicht doch vorgesehen und in letzter Minute aus irgendwelchen Gründen noch herausgenommen worden? © Max Nyffeler 2008
(Juli/2008)
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