Bessie Smith und Dizzie Gillespie: DVDs von Storyville FilmsJazz-Legenden auf DVDStoryville hieß zu Beginn des 20. Jahrhunderts das historische, später abgerissene Rotlichtviertel von New Orleans, das eine der Geburtsstätten des Jazz war, und Storyville heißt auch ein berühmtes Plattenlabel, das seit den 1950er Jahren Aufnahmen vieler Klassiker des Jazz von Louis Armstrong über Billie Holiday bis Duke Ellington veröffentlicht hat. Unter der Bezeichnung „Storyville Films“ veröffentlicht die dänische Firma seit einem Jahrzehnt auch eine DVD-Reihe mit historischen Musikfilmen, deren Rechte ihr Gründer und langjähriger Leiter, der 2003 verstorbene Karl Emil Knudsen, vor dreißig Jahren zu kaufen begonnen hatte. Die Filme geben einen Überblick über bestimmte Stilrichtungen wie Blues und Bigband oder porträtieren einzelne Musiker. Ihre Dauer ist meist etwas unter einer Stunde, im Preis liegen sie um die 18 Euro. Technisch sind die Aufnahmen recht antiquiert, was aber keineswegs stört, denn ihr Wert liegt ja gerade in ihrem Charakter als Originaldokumente einer Musikkultur, die weitgehend auf Improvisation und lockerem Arrangement beruhte und ohne technische Reproduktion auf Platte oder Film dem Vergessen anheim gefallen wäre. Gegenwelten: Bessie Smith und der Saint Louis Blues
Etwas von der unzerstörbaren Würde des Menschen teilt sich auch in den 1962 gedrehten Aufnahmen mit Sonny Boy Williamson mit. Auf einer billig hergerichteten Behelfsbühne im Studio, im abgewetzten schwarzen Anzug, mit Schlips und Melone stellt der gealterte Sänger und Mundharmonikaspieler seine Kunst zur Schau. Zwar steuert eine kleine Adhoc-Combo im Hintergrund die passende Bluesbegleitung bei, doch er scheint mit sich selbst und seiner Musik ganz allein zu sein. Was dabei herauskommt ist phänomenal: Arte povera auf hohem Niveau nix Complexity, nix Virtuosität. Und doch zeigt sich in diesen musikalischen Selbstgesprächen ein hohes Maß an künstlerischer Reflexion und Sensibilität, die Ernsthaftigkeit der Arbeit verbindet sich mit gelegentlich aufblitzendem Humor. Ähnlich die vier kurzen, bruchstückhaften Filmsequenzen mit dem Bluessänger und gitarristen Big Bill Broonzy aus der Zeit um 1940: Man kann einem Ausnahmemusiker zusehen, wie er auf der Holztreppe vor einem Südstaatenhaus sitzt und vor laufender Kamera sein Können demonstriert, selbstbewusst, stolz und glücklich über das, was er zustande bringt. Große Kunst, das wird hier wieder einmal klar, ist keine Angelegenheit von technischer Hochrüstung und Luxus. Manchmal genügen einige wiederkehrende, kraftvolle Gitarrenfiguren und halb gesungene, halb gesprochene Liedverse, damit der Funke überspringt. Hochseilakrobatik: Das Dizzie Gillespie Orchestra
In den Bigband-Aufnahmen tänzelt der knapp dreißigjährige, hoch elegant gekleidete Gillespie jungenhaft munter vor seiner Band herum, er gibt die Einsätze mit perfekter Nonchalance und spielt seine rasenden Läufe unerhört leicht und brillant. Er benutzt noch die normale Trompete ohne den später abgewinkelten Schalltrichter. Das Orchester, in dem auch der Vibraphonist Milt Jackson und der Pianist John Lewis, die späteren Mitbegründer des Modern Jazz Quartets, sowie der phänomenale Bassist Ray Brown mitwirken, spielt die bizarr-virtuosen Arrangements mit unerhörter Präzision. Die Bandmitglieder sitzen dabei cool wie Pokerspieler hinter ihren Pulten, doch man merkt, dass die locker hingeworfenen Phrasen das Resultat harter Arbeit und Disziplin sind. Alles ist Artistik pur. Musik und Musiker wirken frühlingshaft frisch, und es ist noch nichts vom Drogenelend zu spüren, das sich in den fünfziger Jahren in der Szene ausbreitete und geniale Musiker wie Charlie Parker und Bud Powell in den körperlichen und künstlerischen Ruin trieb. Der Zauber des Anfangs und die abgezirkelten Showelemente gehen in diesen Aufnahmen eine höchst vergnügliche Mischung ein. © Max Nyffeler 2008
(11/2008)
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