Karol Szymanowskis HagithDVD-Premiere einer kaum bekannten Oper
Wie schon in König Roger geht es auch in Hagith um ein fiktives Königreich und einen Potentaten, dem die Macht entgleitet. Doch während dort die Grundproblematik durch einen kulturellen Konflikt bestimmt ist arabische, christliche und hellenische Kultur prallen durchaus zeitgemäß-heutig aufeinander , steht in Hagith das individuelle Problem des Machtverzichts im Zentrum. Der hinfällige alte König sträubt sich, seinem Sohn die Nachfolge zu überlassen, und wird von seinem Leibarzt zu einer Verjüngungskur überredet. Sein Rezept: Wenn sich eine Jungfrau ihm hingebe, gehe ihre jugendliche Lebenskraft auf ihn über. Doch die Therapie schlägt fehl, die als Opfer ausersehene Hagith verliebt sich in den Königssohn. Sie weigert sich, zum Alten ins Bett zu steigen, worauf dieser vor Aufregung stirbt. Zur Strafe wird sie gesteinigt, stirbt jedoch im Bewusstsein, dass sie mit ihrem Tod dem geliebten jungen König den Weg zum Thron freigemacht hat. Die finstere Geschichte geht ohne märchenhaftes Happy End aus. Mit Hagith hat der deutsche Librettist Felix Dörmann eine jener zwischen Femme fatale und Emanze angesiedelten Frauenfiguren aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen, halb Judith, halb Salome eine Frau, die gegen Macht und Gesetz aufbegehrt und sich für höhere Interessen opfert. Raffinierteren Charakterzüge, etwa die auf Verführung ausgerichtete Weiblichkeit einer Salome, gehen ihr jedoch ab. Dörmann ist eben nicht Oscar Wilde. Doch mit der Musik von Szymanowski ist daraus eine große Frauengestalt geworden, die in der Schlussszene vom naiven Mädchen aus dem Volk zur Heroine heranwächst und die Bühne mit ihrem Gesang und Auftreten dominiert. Alle vier Bilder des Einakters sind von einer glutvollen, in leuchtenden Farben instrumentierten Musik durchströmt, die immer wieder die Grenzbereiche zur Atonalität streift. Die anspruchsvollen Gesangspartien sind in weiten Bögen geführt, das Liebesduett zwischen Hagith und dem Königssohn erinnert mit seiner blühenden Melodik an Puccini. Die fünf Solisten sowie Chor und Orchester der Oper Breslau unter Tomasz Szreder bringen diese musikalischen Qualitäten auf eindrucksvolle Weise zur Geltung. Schade nur, dass die hausbackene Inszenierung mit ihrem Stehtheater und dem leicht muffigen Kostümprunk dem Werk in keiner Weise gerecht wird. Und was die DVD-Edition angeht, so fallen einige störende Effekte in der Klangbalance sowie redaktionelle Schlampigkeit bei den deutschen Untertiteln auf. Auch wäre bei einer solchen Ausgrabung ein Booklet mit ausführlichen Informationen über Komponist und Werk angebracht gewesen. Doch trotz dieser Unzulänglichkeiten hat die Erstveröffentlichung ihren Wert, und es wäre zu wünschen, dass dem Werk bald auch eine szenisch adäquate Behandlung zuteil wird. © Max Nyffeler 2008
(9/2008)
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