Fabio Vacchi: La giusta armonia

Werkkommentar

Nach Diario dello sdegno, einem Auftragswerk der Mailänder Scala von 2002, ist La giusta armonia bereits das zweite von Ricardo Muti zur Uraufführung gebrachte Orchesterwerk Vacchis (UA am 12.8.2006 in Salzburg). Der Text stammt von Franz Heinrich Ziegenhagen, einem Autor, den schon Wolfgang Amadeus Mozart kannte: 1791 schrieb er über Ziegenhagens Worte die kleine Kantate Die Ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt für eine Singstimme und Klavier KV 619. Das Stück kann Mozarts Freimaurer-Kompositionen zugerechnet werden. Franz Heinrich Ziegenhagen (1753-1806), von Beruf Kaufmann, war Pietist und Sozialutopist. Mit schriftlichen Appellen versuchte er Fürsten, Universitäten und den französischen Nationalkonvent von den aufklärerischen Ideen zu überzeugen, die er in seiner 1792 in Hamburg erschienenen Lehre vom richtigen Verhältnis zu den Schöpfungswerken und die durch öffentliche Einfürung desselben allein zu bewürkende algemeine Menschenbeglükkung dargelegt hatte. Diesem Werk entnahm Fabio Vacchi die Texte für seine Komposition; auf Ziegenhagen und seine Verbindung zu Mozart war er durch das Buch von Lidia Bramani, Mozart massone e rivoluzionario (Mozart, Freimaurer und Revolutionär) gekommen, das im letzten Jahr in Italien einen unerwarteten Verkaufserfolg landete.

Während sich Mozart in seiner Kantate auf religiös ausgerichtete Textpartien konzentrierte, behandeln die von Vacchi verwendeten Passagen soziale Aspekte: Das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich und die Sinnlosigkeit  eines übermäßigen Besitzes, der dem Glück der Menschen entgegensteht und eine Quelle der Kriege ist. Die Texte werden nur rezitiert und nicht gesungen, was das aufklärerische Raisonnement unverstellt zur Wirkung kommen lässt. Vacchi macht daraus aber kein Brechtsches Lehrtheater, sondern er fängt die vernünftige Rede auf in einer Musik, die den Gehalt der Worte in Klang übersetzt. Die langen, durch ein dichtes Netz motivischer Beziehungen zusammengehaltenen Orchesterpassagen zwischen den Textblöcken gewinnen ein Eigenleben. Die Musik drückt aus, was im Text ungesagt mitschwingt, und entwickelt daraus ihre eigenen Gedanken und neue Dimensionen des Affekts. Der über zweihundert Jahre alte Text erstrahlt damit in neuer Frische. Wer im sehr schnellen Zwölfachteltakt der Schlusspartie, einer Art Tarantella, eine fröhliche Apotheose der aufklärerischen Utopien hören möchte, läge gewiss nicht ganz daneben.

© 2006 Max Nyffeler

Dossier Fabio Vacchi
Komponisten: Portraits, Dossiers

 

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