"Über die Grenzen" heißt das Motto der diesjährigen Musikbiennale, und damit verbunden ist die Idee, zu Beginn des neuen Jahrhunderts Neuland für die Gattung Musiktheater zu erschließen. Während Hans Werner Henze mehr den traditionellen Gattungsvorgaben folgte, was beachtenswerte Produktionen keineswegs ausschloß, scheint sein Nachfolger Peter Ruzicka die Biennale mehr zu einem Experimentierlabor machen zu wollen. Da paßt die zukunftgerichtete Thematik gut zum Programm dieser Biennale - der ersten übrigens, für die Ruzicka vollumfänglich verantwortlich ist.
Das Programm zeigt, daß
mit der angestrebten Neuziehung von Grenzen alte avantgardistische Postulate
wieder zur Debatte gestellt werden sollen: Abschied von der "Literaturoper",
was immer man auch darunter verstehen mag, neue Formen von Narrativität
abseits von einem linear vertonten Libretto, sowie ein neues, experimentelles
Verhältnis der Elemente, die die seltsame Mischgattung Oper ausmachen:
Musik, Wort, Handlung, Bühnenbild. Neue technische Medien wie Video
und Live-Elektronik sollen das Spektrum der traditionellen Ausdrucksmittel
ergänzen.
Wo soviel
hochgemute Zukunftserwartung besteht, kann es nicht schaden, noch einmal
einen Blick zurück aufs abgelaufene Jahrhundert zu werfen: sich der
Vergangenheit zu vergewissern, um daraus eine heutige Zukunftsperspektive
zu entwickeln. Das mögen sich, nicht zu Unrecht, die Autoren der ersten
beiden Produktionen der diesjährigen Biennale gesagt haben. Die Thematik
beider Uraufführungen befaßt sich mit den historischen Verbrechen
des 20. Jahrhunderts: mit Holocaust, Krieg und den zerstörerischen
Folgen des technischen Fortschritts. Ein großes Thema für einen
kurzen Musiktheaterabend, ohne Garantie für sicheren künstlerischen
Erfolg.
Die Qual der Erinnerung
Die Resultate waren denn auch
sehr unterschiedlich. Claus Steffen Mahnkopf greift in Angelus Novus
auf die fortschrittspessimistischen Thesen von Walter Benjamin zurück
und macht daraus eine Art Musiktheater-Essay, der die geschichtsphilosophischen
Erwägungen optisch-akustisch umzusetzen versucht. Chaya Czernowin
dagegen geht den Weg der konkreten Erfahrung. Angeregt durch einen Roman
von David Grossman, bringt sie das Trauma des Holocaust als stummen Dialog
zweier Menschen auf die Bühne und erreicht mit dieser einfachen Konstellation,
daß man dem inneren Geschehen fünf Viertelstunden lang gebannt
und beklommen folgt. Pnima ... ins Innere heißt das Stück
der 43-jährigen Israelin, die unter anderem in Deutschland studierte
und zur Zeit in San Diego unterrichtet.
Es
geht um das Nichtvergessenkönnen der Opfer. Dem von seinen Erinnerungen
verfolgten alten Mann begegnet ein Kind, das ihn in kindlicher Unschuld
von seinem Alptraum ein wenig zu befreien vermag. Die Bürde der Erinnerung
geht auf die nächste Generation über und verringert sich so ein
wenig.
Die musikalischen
Mittel, mit der dieser psychische Prozeß dargestellt wird, sind relativ
spröde, doch dem Geschehen angemessen. Ein Streichorchester im Graben
bildet eine Art objektivistischen Klanghintergrund. Den beiden stumm agierenden
Figuren auf der Bühne sind je zwei Männer- und zwei Frauenstimmen
zugeordnet. Die Sänger sitzen links und recht auf der Vorderbühne.
Sie produzieren dann und wann karge Vokalaktionen, unterstützt von
einigen solistischen Instrumenten mit stark geräuschhaften Aktionen.
Die Live-Elektronik projiziert diese Geräuschklänge in den Raum.
Die Musik
von Pnima ... in Innere besitzt wenig Entwicklung. Sie betont mehr
den Zustand des latenten Schreckens als den subtilen psychischen Prozeß,
der sich zwischen den beiden Bühnenfiguren abspielt. Diesen verständlich
gemacht zu haben ist das Verdienst der behutsamen und einfühlsamen
Regie von Claus Guth. Christian Schmidt lieferte ihm ein Bühnenbild,
das den schrecklichen Nicht-Ort der Erinnerung in einem kahlen Raum ansiedelt
und darüber hinaus durch lange Videosequenzen die Brücke zur
heutigen Alltag schlägt: Wir machen eine Autofahrt durch die Dachauer
Straße in München, bis wir schließlich an ihrem Zielpunkt
ankommen.
Eine Hommage an Walter Benjamin
Was bei Chaya Cernowins Stück
und seiner Inszenierung mit einem relativ einfachen Ansatz gelingt, nämlich
die packende Vergegenwärtigung des Vergangenen, versucht Claus Steffen
Mahnkopf in Angelus Novus auf seine Weise mit einem gewaltigen Aufwand
an geschichtsphilosophischen und ästhetischen Überlegungen. So
wird der Zuschauer Zeuge der Geburt der Musiktheaters aus dem Geiste der
Theorie. In zähflüssigen 75 Minuten werden Thesen und Merksätze
von Walter Benjamin auf die Leinwand projiziert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit
postiert sind die Musiker. Hinter ihnen befindet sich ein bogenförmiger
Laufsteg, auf dem Regisseur Taygun Nowbary eine Frauen- und eine Männerfigur
allerlei stumme Szenen darstellen läßt - Allegorien des Elend
der Menschheit von Adam und Eva bis zum modernen Massenvernichtungskrieg.
Doch die Hauptsache für den Komponisten, der sich als Hauptbannerträger
des sogenannten Komplexismus versteht, ist seine Musik: die ungeheuer fleißig
aufs Papier gebrachten komplizierten Notenmengen, die sich zu kleinen hochvirtuosen
Solo- und Ensemble-Nummern addieren und von den Musikern des Ensemble SurPlus
mit Aufopferung wiedergegeben werden. Dazu kommen mehrere Sopransoli, deren
unverwandter Gestus des Würgens, Stöhnens und Schluchzens unüberhörbar
die Unmöglichkeit gesanglicher Schönheit angesichts der gehäuften
Menschheitsverbrechen signalisiert.
Als wortreicher
Selbstexeget betont Mahnkopf im Programmheft den Primat der musikalischen
Autonomie und distanziert sich in Andeutungen vorsorglicherweise auch gleich
von der zu erwartenden, notwendigerweise problematischen Bebilderung seiner
Konzertstücke. Die Optik gewinnt jedoch im Lauf des Abends immer mehr
die Oberhand. Wenn gegen Schluß die Videoprojektionen in rasender
Zeitlupe die Apotheose des technischen Zeitalters vor Augen führen,
erscheint die ambitionierte Instrumentalmusik Mahnkopfs dazu wie eine hoffnungslos
veraltete Handwerkelei. Es ist der falsche Soundtrack.
Von Theater hält Mahnkopf offensichtlich nicht viel, und er hat es sich schamlos leicht gemacht. Seine Produktion könnte ohne weiteres auch bei den Wittener Kammermusiktagen aufgeführt werden. Denn Qualität hat sie musikalisch. Und die szenische Hilfssmittel für solche Konzepte stehen dort auch zur Verfügung. Eine Musiktheater-Biennale, gar eine mit ultimativem Zukunftsanspruch, braucht es dazu nicht.
© Max Nyffeler (Mai 2000)
Foto: Szenenbild aus Pnima...
in Innere © Regine Koerner