Scharf bewachte Unterwelten"Zeitlos": Ein Konzertwochende im Westdeutschen Rundfunk Köln mit Uraufführungen von Rihm, Sciarrino, Hosokawa und HaasVon Max NyffelerDrei Minuten vor Konzertbeginn, Stress beim Einlass im
Kölner Funkhaus. Der junge Mann mit dem Bündel Pressekarten ist
hoffnungslos überfordert, und wen er auf seiner Namensliste nicht
findet, bleibt eben draußen. "Hier herrscht Sicherheitsstufe eins",
bellt der diensthabende Uniformierte von der Bewachungsfirma und verwehrt
jedem Unberechtigten den Weg. Auch der Komponist Wolfgang Rihm bemüht
sich vergebens um Einlass in den musikalischen Hochsicherheitstrakt. In der Karnevalsstadt Köln liegen Jux und Überzeitliches bekanntlich nah beieinander, und so fand sich, wer den Zerberus und die komische Einlage hinter sich gebracht hatte, unvermittelt in ein klangliches Unterweltambiente versetzt. Rihms dreiviertelstündige "Frage" für Sopran und acht Instrumente, inspiriert vom 1992 verstorbenen Maler und Bildhauer Kurt Kocherscheidt, öffnet weite imaginäre Räume, die den Fluß der Zeit tatsächlich stellenweise vergessen machen: Abgründe aus den dumpfen Klängen tiefer Bläser und Streicher, verhallt mit fünf Gongs und einem Tamtam, in die immer wieder splitternde Pizzicati, Schnarrgeräusche und harte Schlagzeugakzente hineinfahren. In diese Klanggestalten, die das Ensemble Recherche mit der nötigen Erdenschwere versieht, sind die textlosen Vokallinien der Sopranistin Salome Kammer eingeflochten, naturhafte Laute, die bis die spitzesten Kopfregister hinauf reichen. Einige unerwartet milde Streicherfiguren zum Schluß lassen das Stück wie eine offene Frage ausklingen. Das Paradox der ZeitlosigkeitSchon immer versuchte Musik den Lauf der Zeit anzuhalten, in dem sie gefangen ist. Doch vorbei ist vorbei und jeder Versuch einer Wiederholung wird zu etwas anderem, weshalb die Komponisten schon immer zu musikalische Täuschungsmanövern gegriffen haben, um die Zeit zu überlisten und das Vergangene zurückzuholen. Dazu gehören Variation, Sonatensatzreprise, Zwölftonreihe, aber auch die Verfahren eines John Cage, der das Problem kurzerhand durch die Abschaffung der traditionellen Syntax zu lösen versuchte, oder die subtil geknüpften Klangteppiche Morton Feldmans. Beide Komponisten wurden bei diesem Konzerwochenende gebührend ins Licht gerückt: Feldman mit seinem späten Ensemblestück "For Samuel Beckett" und Cage mit "One9" für die japanische Mundharmonika Shô und dem Orchesterstück "108". Diese beiden simultan aufgeführten Stücke gehören zu jenen abgeklärten "number pieces", die Cage in den letzten Lebensjahren zu Dutzenden aufs Papier brachte und in denen der Bürgerschreck früherer Jahrzehnte sich auf den puren, in der Zeit sich verströmenden Klang zurückzog: Musica positiva reinsten Zuschnitts. In solchen Stücken verbindet sich der Wunsch nach einem Heraustreten aus der Zeit auf eigentümliche Weise mit dem Bewußtsein des Schwindens von Zeit, und aus dem Wahrnehmungsparadox erwächst ein transzendenter Aspekt. Cages Musik ist von seinen zenbuddhistischen Inspirationsquellen ebenso wenig ablösbar wie diejenige Feldmans von seiner jüdischen Spiritualität. Endlichkeit und Tod, dieser Subtext des Mottos "Zeitlos", schwang hier unausgesprochen mit. Er war auch in Toshio Hosokawas "Tabi-bito" für Schlagzeug und Orchester hintergründig präsent. TotengesängeIn Salvatore Sciarrinos neuem Orchesterstück "Il giornale della necropoli" rückte der Todesaspekt explizit in den Vordergrund. Es ist wie viele Stücke dieses Komponisten an der Hörschwelle angesiedelt. Die kargen, geräuschhaft verwischten Orchesterklänge, denen Teodoro Anzellotti mit seinem Akkordeon schüttere Klangfäden beigesellt, erscheinen wie geheimnisvolle Botschaften aus dem Totenreich. Die gleiche geisterhafte Faszination, nur mit andern Mitteln, erreicht auch Gérard Grisey in seinen "Quatre chants pour franchir le seuil", denen die Sopranistin Catherine Dubosc und das Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling zu einer packenden deutschen Erstaufführung verhalfen. Es ist das letzte Werk des vor zwei Jahren überraschend verstorbenen französischen Komponisten. Vier Texte bilden den Ausgangspunkt für diese musikalische Überschreitung der Schwelle zum Jenseits: Ein Gedicht des mit Grisey befreundeten Poeten Christian Guez-Ricord, der sich 1988 das Leben nahm, Hieroglyphen aus ägyptischen Gräbern, zwei Zeilen einer altgriechischen Dichterin und eine apokalyptische Passage aus dem Gilgamesch-Epos. Die wie bei Rihm vorwiegend in den tiefen Registern angesiedelte Musik bevorzugt nackte, fahle Klangfarben und ist grundiert vom dumpfen Rollen der großen Trommel: Klänge von starker Zeichenhaftigkeit, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Die symbolische Darstellung von Zeitlosigkeit braucht genügend Zeit, haben sich die Veranstalter wohl gesagt und für die Uraufführungen vor allem Langformate bestellt. Einer von ihnen, der siebzigminütigen Ensemblekomposition "in vain" von Georg Friedrich Haas bekam das nicht gut. Seine an sich interessante Idee der Beschleunigung und Verlangsamung musikalischer Vorgänge, angelegt in fluktuierenden mikrotonalen Feldern, ist zwar sinnfällig umgesetzt und führt zu raffiniert schillernden, mitunter auch reichlich preziösen Klangbewegungen. Doch auf Dauer kreist das alles dann allzu selbstverliebt in sich. Aber das ist bekanntlich eine Eigenart vieler Materialstudien der letzten Jahrzehnte. © 2000, Max Nyffeler |